Wer Wind sät, wird Sturm ernten?

Peter Hennicke über die UBS/PwC-Studie „Riding the storm“1

Eine neuere Studie von UBS und PwC mit dem vielversprechenden Titel “Riding the Storm“ untersucht die Anzahl, den Vermögensumfang, die Investitionschwerpunkte und die Perspektiven der Milliardäre der Welt2 bis zum Juli 2020. Insofern vermittelt die Studie auch einen interessanten Einblick in die Wechselwirkungen von ökonomischen Folgen der Corona-Krise und Aktivitäten der Superreichen. Insbesondere eine Hauptthese ist interessant: “Wir haben bereits zuvor gesehen, wie eine Kohorte von „Innovators“ und „Disruptors“ von Milliardären, die in den Bereichen Technologie, Gesundheitswesen und Industrie aktiv sind, zur Umgestaltung der Wirtschaft beigetragen hat. COVID-19 hat diesen Trend drastisch beschleunigt … Dies ist ein Schlüsselmoment in der Wirtschaftsgeschichte, eine Zeit außergewöhnlicher schumpeterianischer kreativer Zerstörung“.3

„Die Funktion der Unternehmer besteht darin, das Produktionsmuster zu reformieren oder zu revolutionieren, indem sie eine Erfindung oder, allgemeiner, eine unerprobte technologische Möglichkeit zur Herstellung einer neuen Ware oder zur Herstellung einer alten Ware auf eine neue Art und Weise nutzen, indem sie eine neue Bezugsquelle für Materialien oder einen neuen Absatzmarkt für Produkte erschließen, indem sie eine Industrie neu organisieren usw.“
(Eingangszitat der Untersuchung: Joseph Schumpeter, österreichischer Wirtschaftswissenschaftler, der das Konzept des Unternehmertums und die Theorie der schöpferischen Zerstörung eingeführt hat).

Das Gesamtvermögen der Milliardäre ist vom bisherigen Spitzenwert (8,9 Billionen US$ Ende 2017) bis 31. Juli 2020 auf eine neues Maximum von 10,2 Billionen US$ angewachsen. Trotz erheblicher Verschiebungen innerhalb dieser Gruppe ist die Zahl der Milliardäre bis zum 31. Juli 2020 auf den neuen Maximalwert von 2.189 angestiegen, im Vergleich zu 2158 im Jahr 2017. Obwohl die zugesagten Spenden von 209 Milliardären – insbesondere zur Bekämpfung der Folgen der Corona-Krise – auf einen bis dato Rekordwert von 7,2 Milliarden US$ (vor allem in den USA) angestiegen ist, schränkt die Studie ein: „Eine kleine Gruppe von Milliardären leistet Pionierarbeit in der Philanthropie und verfolgt gleichzeitig Nachhaltigkeitsziele für ihre Unternehmens- und Investitionstätigkeit.“4

„Dies ist der siebte unserer Berichte über Milliardärsvermögen, mit dem wir unsere Untersuchung dieser historischen Ära der Vermögensbildung fortsetzen. Unser Forschungsbereich umfasst mehr als 2.000 Milliardäre aus 43 Märkten in Nord- und Südamerika, EMEA (Europa, Naher Osten, Afrika) und APAC (Asien Pacifik), die auf mehr als zwei Jahrzehnte zurückblicken. Unsere Datenbank umfasst die 43 größten Milliardärsmärkte, die rund 98% des weltweiten Milliardärsvermögens ausmachen. Darüber hinaus haben wir etwa 60 Gespräche mit Milliardären geführt. Zu unseren Recherche-Quellen gehören PwC-Milliardärsdaten und UBS-Nachhaltigkeitsratings. Um den transformativen Effekt von COVID-19 auf das Vermögen der Milliardäre widerzuspiegeln, haben wir zudem, wo dies relevant ist, die diesjährige jährliche Standardstudienperiode, die am 7. April 2020 endet, um die vier zusätzlichen Monate bis zum 31. Juli 2020 verlängert. UBS und PwC beraten viele der weltweit wohlhabenden Personen und verfügen über einzigartige Einblicke in ihre sich verändernden Vermögen und Bedürfnisse.“

Der Bericht mündet in einen geradezu flammenden Appell an die Gruppe der Superreichen: “2020 wird für Milliardäre und die Weltwirtschaft als entscheidendes Jahr und Wendepunkt in die Geschichte eingehen. Ein Jahr, in dem der Sturm COVID-19 rasante Veränderungen hin zu einer digitalen Wirtschaft bewirkt hat, die zudem weniger global ausgerichtet und stärker verschuldet ist. In den nächsten 10 Jahren kommt den „Innovators“ in der Gesellschaft eine entscheidende Rolle zu. Bei dem Einsatz des weltweit wachsenden Bestands an neuen Technologien zur Produktivitätssteigerung, müssen sie auch die immer offensichtlicher werdenden ökologischen und sozialen Defizite überbrücken.“5

Als entscheidende Gruppe sieht der Bericht dabei die „Innovators“ und „Disruptors“ unter den Milliardären an, deren Vermögen von 2018 bis Juli 2020 um 17% (auf 5,2 Billionen US$) anstieg im Vergleich zu nur 6% (auf 3,7 Billionen US$) bei „traditionellen“ Milliardären. Es fällt auf, dass bei den Technologiefeldern, die den „Innovators“ und „Disrupters“ zugeschrieben werden, zielgerichtete technologische und soziale Innovationen für den Klima- und Ressourcenschutz praktisch keine Rolle spielen. Als „Essential Eight“ werden die folgenden disruptiven Technologien genannt, die zweifellos die Produktivität nach oben treiben können, deren positiver Beitrag zum Klima- und Ressourcenschutz aber zumindest ambivalent, wenn nicht kontraproduktiv ist: „Das Technologieteam von PwC hat die so genannten ‚Essential Eight‘-Technologien identifiziert, die für die Unternehmen in den nächsten drei bis fünf Jahren am wichtigsten sind. Diese sind:

  1. Künstliche Intelligenz;
  2. Augmented Reality;
  3. Blockchain;
  4. Virtuelle Realität;
  5. Drohnen;
  6. Internet der Dinge;
  7. 3D-Druck;
  8. Robotik.

Das disruptive Potenzial dieser Technologien wird maximiert, wenn es eine Konvergenz zwischen der digitalen Praxis, der Cloud und großen Datenmengen gibt.“6

Trotz seiner betont optimistischen Bewertung der Investitionsaktivitäten der Superreichen, zeigt der Bericht an einer Stelle die Defizite sehr deutlich auf. Nachdem die „kleine Anzahl“ sozialökologisch orientierter Milliardäre und einige herausragende Persönlichkeiten im Bericht erwähnt wurden, fährt der Bericht fort: „Sie bleiben jedoch Ausnahmen, da nicht alle von Milliardären kontrollierten Unternehmen gut abschneiden, wenn man sie an Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren (ESG) misst. Nahezu 500 (494) milliardenschwere börsennotierte Unternehmen, die unter der Kontrolle von Milliardären stehen, erhielten von der UBS eine Nachhaltigkeitsbewertung. Ihre durchschnittliche Bewertung beträgt 3,1 (von 10) gegenüber einem Durchschnitt von 5,2 für die Aktien des MSCI AC World Index.“7

Es bleibt daher sehr zweifelhaft, ob die euphemistische Schlussfolgerung des Berichts zutreffend ist. Zwar ist eine Produktivitätssteigerung durch Innovationen für qualitatives Wachstum in nachhaltigen Sektoren zweifellos erwünscht, aber geschieht dies unter der Bedingung „… die soziale Ungleichheit zu verringern und die Knappheit der Umweltressourcen zu bekämpfen, indem mehr mit weniger getan wird“?8 Und der nachfolgende Satz erscheint noch utopischer: „Zunehmend werden Milliardäre versuchen, dies nicht nur indirekt über die wirtschaftlichen Beiträge ihrer Unternehmen zu tun, sondern direkt durch strategische Philanthropie, gutes gesellschaftliches Engagement von Unternehmen und wirkungsvolle Investitionen. Die Pandemie hat ihnen die Augen geöffnet.“8

Angesichts der dargestellten Fakten erscheint es überoptimistisch zu erwarten, dass die Superreichen ohne staatliche Intervention einen wirklich richtungsweisenden Anteil ihres Kapitals in eine nachhaltigere Richtung investieren. Es offenbart daher auch mehr Realitätssinn, wenn der Bericht am Schluss die Frage stellt: „Werden die Regierungen die Superreichen besteuern, um die öffentlichen Haushalte auszugleichen“?9 Vermögenssteuern oder eine Corona-Vermögensabgaben werden in der Studie zwar skeptisch gesehen. Immerhin endet der Bericht aber mit der Empfehlung: „Es ist politisch sinnvoller, bestehende Steuern wie die Einkommens- und Kapitalertragssteuer zu erhöhen, als eine neue Steuer zu erfinden“.10

Im Ergebnis lässt sich festhalten: Die Anzahl und das Gesamtvermögen der Milliardäre ist – trotz der Corona-Pandemie – bis Juli 2020 weiter gestiegen. Das bisherige nachhaltige Engagement von „billionaire-controlled companies“ liegt nach UBS-Analysen deutlich unter dem durchschnittlichen Weltreferenzwert MSCI ACWI. Eine wirklich umfassende Richtungsänderung im Investment ist bisher nicht erkennbar. Die Hoffnung, dass die Superreichen – motiviert durch die Corona-Krise und ohne staatliche Intervention – von sich aus einen neuen Kurs auf Nachhaltigkeit einschlagen kann empirisch nicht belegt werden und erscheint eher als naiv.

Prof. Peter Hennicke (geb 1942) war lange Jahre Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie und Mitglied mehrerer Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages. Nach seinem Studium der Chemie und Volkswirtschaftslehre hatte er sich zunächst als wissenschaftlicher Assistent an den Universitäten Heidelberg und Osnabrück mit Wirtschafts- und Entwicklungstheorie sowie Wirtschafts- und Energiepolitik beschäftigt. Nach seiner Habilitation mit dem Schwerpunkt Wirtschaftspolitik/Energiewirtschaft wurde Hennicke als Professor (auf Zeit) an die Universität Osnabrück berufen. Von 2012 bis 2018 war er u.a. einer der zwei Repräsentanten des Europäischen Parlaments im Management Board der Europäischen Umweltagentur. Im April 2014 wurde er als Vollmitglied in den Club of Rome aufgenommen. 2014/2015 war Hennicke zudem Gastprofessor am „International Institute for Industrial Environmental Economics (IIIEE)“ der Lund University. Für sein Engagement und seine wissenschaftliche Forschung im Bereich Energiewende und -effizienz wurde Hennicke 2014 von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt der Deutsche Umweltpreis verliehen. Darüber hinaus wurde er 2015 mit dem Gothenburg Award for Sustainable Development ausgezeichnet.

Anmerkungen:

1 PwC.ch/en/publications/2020/UBS-PwC-Billionaires-Report-2020.pdf
2 Die Studie konzentriert sich auf sogenannte „billionaire – controlled companies“. Die Frage, welcher Anteil der 2189 Milliardäre sich allein auf Kapitalmarktgeschäfte und –renditen konzentriert wird nicht weiter untersucht.
3 Foreword, ebenda, S.5, (eigene Übersetzung)
4 ebenda, S.7, (eigene Übersetzung)
5 ebenda, S.39, (eigene Übersetzung)
6 ebenda, S.41, (eigene Übersetzung)
7 ebenda, S.31, (eigene Übersetzung)
8 ebenda S.40, (eigene Übersetzung)
9 ebenda, S. 40, (eigene Übersetzung)
10 ebenda, S. 40, (eigene Übersetzung)