Problem Kurzfristigkeit: Investoren missachten Externalisierung

Eine Rangliste der größten Vermögensverwalter der Welt

Ein Bericht der Interessengruppe ShareAction*) unter dem Titel „Point of No Returns“ zeigt, in welchem Maße 75 der weltweit größten Vermögensverwalter die Risiken und Chancen des Klimawandels missachten. Die von den „Zögerern“ – diejenigen, welche die allerschwächste Performance bei verantwortungsbewussten Investitionen aufweisen – gehaltenen Vermögenswerte sind größer als das BIP der USA und Chinas zusammengenommen, wobei die Hälfte der befragten Unternehmen einen „schwachen“ Ansatz für verantwortungsbewusste Investitionen und 17% einen „begrenzten“ Ansatz aufweisen. Hauptursache laut ShareAction: Kurzfristigkeit und Missachtung von Externalisierungen.

Einführung des Berichts

Die Krisen in der Natur haben ein kritisches Niveau erreicht. Tatenlosigkeit bedroht nun die Existenz der menschlichen Gesellschaft an sich: Der Weltklimarat (IPCC) warnt, dass die Abwendung der schwerstwiegenden Folgen des Klimawandels eine radikale Überarbeitung der Weltwirtschaft erfordert, während die OECD den Verlust der biologischen Vielfalt als eines der größten globalen Risiken für die Gesellschaft bezeichnet. Wichtig ist, dass die Schnittmenge zwischen diesen Krisen ihre Auswirkungen noch verstärkt. So ist beispielsweise die Entwaldung eine der Hauptursachen für den Verlust der biologischen Vielfalt und gleichzeitig die zweitgrößte Quelle anthropogener Treibhausgasemissionen. Gleichzeitig sind die wachsende Ungleichheit, die sich verändernde Natur der Arbeit und die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen nur einige der größten Risiken, denen die globale Gesellschaft und der sie unterstützende Finanzsektor ausgesetzt sind.

Die Ursache vieler dieser Probleme liegt in der Kurzfristigkeit: Unternehmen und Finanzorganisationen streben nach kurzfristiger Rendite, ohne die Externalisierung ihrer Entscheidungen zu berücksichtigen oder zur Rechenschaft gezogen zu werden. Kumulativ gesehen haben diese Externalisierungen verheerende langfristige Auswirkungen auf die Menschen und den Planeten, aber die wahrgenommenen Anreize, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sind jetzt gering. Mark Carney, während seiner Zeit als Gouverneur der Bank von England, bezeichnete dieses Problem als „die Tragödie des Horizonts “ .

In diesem Zusammenhang veröffentlicht ShareAction diese Rangliste (https://shareaction.org/research-resources/point-of-no-returns/) der 75 größten Vermögensverwalter der Welt. ShareAction verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Durchführung von verantwortungsbewusster Anlageforschung und Rankings in verschiedenen Sektoren der Investmentindustrie, einschließlich der 2017 durchgeführten Bewertung von 40 europäischen Vermögensverwaltern. Im selben Jahr haben wir die Leitung von AODP übernommen, einer separaten Initiative für Investoren-Rankings, die drei Finanzsektoren bewertet: Versicherungen, öffentliche Pensionsfonds und Vermögensverwalter. In diesem Jahr umfasst das AODP-Ranking erstmals die Themen Biodiversität und Menschen- und Arbeitsrechte, sowie den Klimawandel.

*) ShareAction ist eine eingetragene gemeinnützige Organisation, die verantwortungsbewusste Investitionen fördert und Unternehmensverhalten in Bezug auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Fragen verbessern möchte. Dazu hat ShareAction zahlreiche Kampagnen gestartet. Die Arbeit von ShareAction erkennt an, dass das Geld, das Einzelpersonen und Organisationen in das Investitionssystem stecken, globale Unternehmen finanziert, die ihrerseits die Macht haben, für Menschen oder Umwelt schädliche Geschäftspraktiken zu ändern. Ein Hauptziel ist die Demokratisierung des Finanzsystems, damit die normalen Sparer mehr Einfluss darauf haben, wie ihr Geld investiert wird. ShareAction arbeitet mit Investoren, Pensionsfonds, Vermögensverwaltern, Einzelpersonen, Wohltätigkeitsorganisationen und politischen Entscheidungsträgern zusammen.

Die 75 Vermögensverwalter in dieser Bewertung verwalten mehr Geld als das BIP der USA, Chinas und der Europäischen Union zusammen. Der Gesamteindruck unserer Untersuchung ist, dass ein Großteil dieser Gelder derzeit jedoch auf eine Art und Weise verwaltet wird, die im besten Fall die wichtigsten systemischen Risiken ignoriert und im schlimmsten Fall zu ihnen beiträgt.

Es sei besorgniserregend, so ShareAction, dass 36 Billionen US-Dollar  – 64 Prozent des verwalteten Gesamtvermögens der bewerteten Manager – bei ihrem Ansatz zu verantwortungsbewussten Investitionen schlecht abgeschnitten haben (Kategorien D – E). Kein einziger Vermögensverwalter erreichte ein AAA- oder AA-Rating durch den Nachweis einer führenden Praxis in allen Bewertungsbereichen.

Interesse an „nachhaltigen“ Anlageprodukten stark gestiegen

Es gibt jedoch klare Bereiche führender Praktiken in der Branche, in denen viele Vermögensverwalter innovative Ansätze zur Bewältigung der anstehenden Herausforderungen zeigen und demonstrieren, dass ein starker Ansatz für die von uns bewerteten Bereiche durchaus möglich ist. In den vergangenen zehn Jahren sei das Interesse an „nachhaltigen“ oder „ESG“-Anlageprodukten, welche die Bedürfnisse der Anleger über das Gesamtergebnis hinaus erfüllen sollen, stark gestiegen. Da nur noch zehn Jahre verblieben, um die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) zu erreichen, bestehe für Vermögensverwalter eine klare Chance, vom boomenden Interesse an solchen Produkten zu profitieren und gleichzeitig ihren Ehrgeiz zu steigern und die transformative Kraft der Finanzwirtschaft auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Welt zu demonstrieren. Insbesondere für die nächste Generation nachhaltigkeitsbewusster Investoren könnten sich bisher passive Manager künftig als aktive Verwalter ihrer Investitionen profilieren. Die Glaubwürdigkeit von Unternehmensführung werde schnell zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor unter passiven Managern werden, während aktive Manager einer effektiven ESG-Integration neben der Unternehmensführung den gleichen Stellenwert einräumen könnten.

->Quellen: