Buch: „Ökumene in Zeiten des Terrors”

Ein Briefwechsel übers Streiten für die Ökumene – für die Einheit der Christen

Die evangelische Theologin Antje Vollmer und der katholische Jesuitenpater Klaus Mertes sehen die Ökumene als zwingende Voraussetzung zum Dialog mit den Religionen. Ihr Briefwechsel über die Einheit der Kirche wurde nun als Buch veröffentlicht. Antje Vollmer, Klaus Mertes - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft  20160921 Der ehemaligen Vizepräsidentin im Deutschen Bundestag und Grünen-Politikerin und dem Jesuitenpater, der – noch am Berliner Canisiuskolleg – den Missbrauchsskandal auslöste, gehen die Reformschritte zur Einheit der beiden Volkskirchen nicht schnell genug.

In Zeiten von Terror, Gewalt und Verunsicherung breiter Bevölkerungsschichten kommt der Einheit der christlichen Kirchen eine wichtige, die Gesellschaft stabilisierende Aufgabe zu. Aber die Reformschritte hin zur Einheit gehen längst nicht weit genug. Noch immer streiten Katholiken und Protestanten etwa über das Abendmahl. Die evangelische Theologin Antje Vollmer und der katholische Jesuitenpater Klaus Mertes sehen die Ökumene auch als zwingende Voraussetzung zum notwendigen und ehrlichen Dialog mit den Religionen. Über die konkreten Schritte entzündet sich zwischen den beiden ein streitbares Gespräch in Form eines Briefwechsels.

Beide bemängeln, dass Katholiken und Protestanten immer noch über das Abendmahl streiten. Anlass für den Briefwechsel der Autoren ist deren Mitgliedschaft im „Kuratorium 20. Juli 1944“, das jedes Jahr mit einem ökumenischen Gottesdienst im Hinrichtungsschuppen von Berlin-Plötzensee an die Ermordeten des NS-Regimes erinnert.

„Nach den ökumenischen Erfahrungen der Hingerichteten und der Überlebenden wollte man nicht einfach auseinandergehen, aber auch nicht auf die Feier des Abendmahles verzichten, zumal die Ermordeten es vor ihrer Hinrichtung in den Gefängnissen gemeinsam gefeiert oder doch danach verlangt hatten“, schreiben die Autoren im Vorwort. Die Sehnsucht nach Ökumene sei die Sehnsucht nach dem möglichen Friedenszustand der Welt.

“Als wir unser Vorhaben im Sommer 2015 miteinander besprachen, ahnten wir beide nicht, in welche politischen Turbulenzen wir gerade in der Zeit unseres Schreibens geraten würden. Jetzt aber drängt sich diese Gegenwart so beunruhigend, so verunsichernd in unseren Alltag, dass wir das gar nicht ausblenden können. So wird dieser Briefwechsel wohl zugleich eine Art »politisches Tagebuch «, das die Nöte der Zeit ebenso widerspiegelt wie die eigene Ohnmacht.

Umgekehrt wird mir immer klarer, dass sich das, was wir suchen, wenn wir über eine mögliche, gänzlich neue Art der Gemeinsamkeit zwischen heutigen Christen nachdenken, im Bezug auf diese Gegenwartskrisen bewähren muss, beispielsweise durch neue Formen der sichtbaren Einheit und der Überwindung alten Hasses. Ohne diesen Bezugspunkt macht es gar keinen Sinn und wäre nur Selbstbespiegelung in einem immer kleiner werdenden Nebenraum des großen Weltgetümmels”. (Antje Vollmer)

Klaus Mertes - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft  20160921Klaus Mertes, seit September 2011 Direktor des Kollegs St. Blasien, von 2000 bis 2011 war er Rektor des katholischen Gymnasiums Canisiuskolleg in Berlin, Autor mehrerer Bücher, Chefredakteur der Zeitschrift Jesuiten, regelmäßig Beiträge im Berliner Tagesspiegel.

Antje Vollmer - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft  20160921Dr. Antje Vollmer, Politikerin, Theologin, Autorin, war Co-Vorsitzende der Fraktion der Grünen im Deutschen Bundestag. Von 1994 bis 2005 war sie zusätzlich die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Heute arbeitet sie als freie Autorin zur Zeitgeschichte und zur Geschichte des Widerstands gegen die NS-Diktatur.

Zitate aus der Buchvorstellung

Antje Vollmer: “Wir waren uns keineswegs immer einig – ich bin heute noch skeptisch gegenüber Merkels Flüchtlingspolitik. Einig waren wir uns darin, dass die Kirchen eben eine unglaubliche Chance zu verpassen drohen.” Klaus Mertes: Das Lutherjahr 2017 “kann man nicht feiern, wenn man nicht anerkennt, dass im Jahr der Reformation etwas erreicht worden ist, was dieselbe überwindet”.

Ziviler Ungehorsam? Vollmer: “Schon – man soll Orte suchen, wo das gemeinsame Abendmahl gefeiert werden kann – dabei nicht auf Genehmigung von oben warten; auf jeden Fall niemanden mehr vom Abendmahl ausschließen. Im Neuen Testament wird auch niemand ausgeschlossen – nicht einmal der Verräter.”

Mertes: “Warum sind wir religiöse Menschen so anfällig für Gewalt? Weil wir den anderen nicht kennen, gar nicht kennen wollen, und alles, was fremd ist, ist erst einmal verdächtig, erzeugt Angst und den Zwang, sich zu verteidigen, das erzeugt dann am Ende Gewalt.” Doe oft zitierte innerchristliche “versöhnte Verschiedenheit” sei allerdings kein Ziel, sondern allerhöchstens ein Weg.

Beide zeigten sich erschüttert darüber, dass die Sehnsucht nach der Einheit nicht mehr da ist. Mertes erklärte, dass Christen gemeinsam gegen Gewalt und für Frieden aufstehen müssten. Er zählte einige Beispiele der Verweigerung des Abendmahls auf und sagte dann: “Wir halten ja nicht mal den Frieden unter uns, zwischen den Konfessionen – damit sind alle unsere Appelle unglaubwürdig”. Vollmer:  „Wie kann man glaubwürdig sein, wenn man nach 500 Jahren solche Differenzen untereinander nicht überwunden hat?“ und ergänzte: “Zwischen Sunniten und Schiiten – das ist ja auch eine Art Kirchenspaltung – findet ein Stellvertreterkrieg von Machtparteien statt.”

„Die Etablierung der Trennung lässt sich organisationssoziologisch erklären, nicht aber theologisch“, sagte Lammert. Was tun? Vollmer: “Einfach die Kirchenleitungen nicht mehr fragen – das gemeinsame Abendmahl ist das Symbol der wieder gewonnenen Einheit.” Selbst der Papst habe kürzlich gesagt, man solle nicht so oft die Kirchenoberen fragen. Mertes bekannte sich zur Naivität: “Das ist das  Bekenntnis, dass ich die Geschichte nicht im Griff habe – Gott führt sie zum guten Ende, davon bin ich überzeugt. Man muss das Naheliegende tun (und löst manchmal eine Erdbeben aus – nicht immer ausschließlich taktisch-strategisch handeln, mit Plan.”

Lammert: Islam auf dem Weg zur Demokratie Zeit einräumen

Norbert Lammert, Antje Vollmer, Klaus Mertes - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft  20160921Zum Buchtitel sagte Bundestagspräsident Norbert Lammert bei der Vorstellung in Berlin am 21.09.2016: „Dass diese beiden auf den ersten Blick eigentlich schwer in einen Zusammenhang zu bringenden Sachverhalte, übrigens nicht nur aktuell, sondern beinahe prinzipiell, etwas miteinander zu tun haben, wird spätestens dann deutlich, wenn sie statt Ökumene Religion denken. Und statt Terrorismus Gewalt.“

Die Religionsgeschichte der Menschheit sei immer auch eine Gewaltgeschichte gewesen, erklärte Lammert. Das liege daran, dass Religionen mit Wahrheit handelten. „Wahrheiten sind nicht kompromissfähig und eo ipso Absolutheitsansprüche”. Deswegen sei der Weg aller Religionen zur Demokratie extrem kompliziert und „vermint“. Lammert appellierte daran, auch dem Islam die Zeit einzuräumen, die das Christentum zur Anerkennung der Demokratie benötigt habe. Eine unaufgebbare Mindestvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie liege in der sauberen Trennung von Politik und Religion.

Norbert Lammert - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft  20160921„Zwischen Spiritualität und Fanatismus läuft gelegentlich eine außerordentlich dünne Grenze“, sagte Lammert. „Dass wir ausgerechnet im 21. Jahrhundert diese Art des Missverstehens von Religion und Glaubensüberzeugungen in neuen, brutalen Ausdrucksformen erleben, beschreibt hinreichend, dass wir hier nicht über ein theoretisches, Man müsse sich die Frage stellen, ob mit dem Status quo der Kirchtrennung nicht ein längst „überfälliger Anachronismus“ in Zeiten der Globalisierung fortgeschrieben würde. Die allermeisten hätten sich nach Lammerts Empfinden mit diesem „skandalösen Zustand längst in jeder Beziehung häuslich eingerichtet“.

„Ich persönlich werde immer besonders nervös, wenn dann versöhnte Verschiedenheit als intellektuell und gesellschaftspolitisch grandiose Zielsetzung ausgegeben wird“, sagte Lammert. „Wenn wir versöhnte Verschiedenheit als Ziel der ökumenischen Bemühungen im Jubiläumsjahr der Reformation ausgeben, dann ist das für mich eine verdeckte Kapitulationserklärung. Eine Verwechslung von Ziel und Weg“, erklärte der Unionspolitiker.

Im Blick auf die Ökumene sei die katholische Kirche beim zweiten Vatikanischen Konzil weiter gewesen „bei der Benennung dieses Skandals“ als heute. Lammert zitierte einen Satz von Joseph Ratzinger, der auch Eingang in das Buch von Vollmer und Mertes gefunden hat: „Und so ist die Kirche für viele heute zum Haupthindernis des Glaubens geworden.“ (pro)

Klaus Mertes / Antje Vollmer: „Ökumene in Zeiten des Terrors – Streitschrift für die Einheit der Christen“, Herder, 176 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-451-37569-9

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