Muss man umverteilen, um Ungleichheit zu reduzieren?

Themen: Weltwirtschaft und Unternehmensverantwortung

Erstellt von Sara Burke für FES/JPG „Die Welt gerecht gestalten“

Der deutsche Exekutivdirektor der Weltbank, Jürgen Zattler, hat eine mutige Idee eingebracht. Um die zunehmende Ungleichheit zu bekämpfen, sollte die Weltbank sofort zwei Schritte unternehmen, um die Kohärenz ihrer Politik zu verbessern:

  1. die Forschung und Datenerhebung verbessern, um die Nuancen der Ungleichheit besser zu verstehen, und
  2. ihr Ziel des gemeinsamen Wohlstands in ihr Geschäftsmodell integrieren, ähnlich wie sie es beim Ziel der extremen Armut getan hat.

In einem Online-Rundtischgespräch mit Patrizio Pagano, dem Exekutivdirektor für Albanien, Griechenland, Italien, Malta, Portugal, San Marino und Timor-Leste, und Cecilia Nahón, der stellvertretenden Exekutivdirektorin für Argentinien, Bolivien, Chile, Paraguay, Peru und Uruguay, machte Herr Zattler die Dringlichkeit besserer Forschung und Daten zur Ungleichheit deutlich.

Um dieses Anliegen anzusprechen, nahm José Gabriel Palma, emeritierter Professor der Universität Cambridge und weltweit anerkannter Experte für die Messung von Ungleichheit, an der Diskussion teil. Professor Palma ging gleich auf den Kern des Problems ein: Wir verfügen nicht über gute Daten über die Ungleichheit des „Marktes“, d.h. die von den Märkten selbst produzierte Ungleichheit vor Steuern und Transfers. Er bot das Beispiel [siehe Grafiken unten] an, um nach Hause zu fahren, warum dies unser Verständnis sowohl der Ursachen als auch der Abhilfen für die Ungleichheit behindert.

Grafik aus „Hinter den sieben Schleiern der Ungleichheit“ (Seite 1162) von José Gabriel Palma

Im linken Kasten zur Situation in Deutschland zwischen 1960 und 2016 stellt die blaue Linie die Marktergebnisse und die grüne Linie das verfügbare Einkommen nach Steuern und Transfers dar. Beide werden mit dem Gini-Koeffizienten gemessen, wobei 0 für vollkommene Gleichheit steht (jeder hat das Gleiche) und 1 für maximale Ungleichheit (eine Person hat alles und die anderen haben nichts).

Im rechten Kasten über die Situation Südkoreas im gleichen Zeitraum bleiben Markt und Ginis nach Steuern und Transfers über 50 Jahre lang sehr nahe beieinander, mit einer durchschnittlichen Differenz von nur 9%. Vergleichen Sie dies mit Deutschland, wo der Unterschied bis Mitte der 1970er Jahre etwa 28% betrug, um dann bis 2015 auf satte 44% anzusteigen.

Mit Blick auf Deutschland fragt Professor Palma: „Wie nachhaltig ist die wachsende Kluft zwischen marktwirtschaftlichen und sozialen Verteilungsergebnissen? Die Besteuerung von Vermögen und Einkommen und die Umverteilung dieser Steuern, da die Sozialtransfers hochgradig politisiert sind und mit zunehmender Ungleichheit die Verwendung von Steuergeldern zur Subventionierung hoher Marktungleichheit immer stärker zurückgedrängt wird.

Ist es nicht besser, wenn die Wirtschaft nicht von vornherein ein so hohes Maß an Ungleichheit produziert? Auf diese Weise ist nur eine minimale Umverteilung – oder gar keine Umverteilung – notwendig, um ein niedrigeres Niveau der Ungleichheit zu erreichen.

Das Problem, wenn man nicht über ausreichende Daten zur Untersuchung der Marktungleichheit verfügt, so Professor Palma, besteht darin, dass man im Unklaren darüber bleibt, was die Ungleichheit am Anfang produziert.

Als das Rundtischgespräch der Exekutivdirektoren dieses Thema aufgriff, waren sie sich über einige der Faktoren, welche die Ungleichheit vorantreiben, im Klaren.

  • Zattler: Ein Faktor, der in der Debatte in der Weltbank nicht gut widergespiegelt wird, ist die Rolle des Finanzsektors, der die Ersparnisse der 1% erhöht hat, dem aber keine steigenden Investitionen gegenüberstehen.
  • Pagano: Während der Pandemien des 20. Jahrhunderts waren die Auswirkungen auf den Netto-Gini (nach Steuern und Transfers) viel größer als auf den Markt-Gini.
  • Nahón: Ein intelligenter Staat, der eine nachhaltige Erholung von der Pandemie mit weniger Ungleichheit aufbaut, wird dazu beitragen, neue und verantwortungsvollere Arten von Partnerschaften mit dem Privatsektor zu schmieden.

Alle waren sich einig, dass dies politisch nicht einfach sein wird.

Auch das Publikum hat in zwei Umfragen seine Meinung geäußert. In der ersten Umfrage wurde gefragt: „Was ist das Haupthindernis für eine bessere Analyse der Ungleichheit und ihrer politischen Auswirkungen in der Weltbank… Geopolitik, institutionelle Abneigung, beides oder keines davon? Fast die Hälfte sagte, es sei eine Kombination aus Geopolitik und institutioneller Zurückhaltung [siehe Umfrage 1].

In der zweiten Umfrage wurde gefragt: „Welches ist der wichtigste nächste Schritt, um weitreichende Reformen zur Bekämpfung der Ungleichheit auf die Tagesordnung der Weltbank zu setzen… eine Kampagne, um dies auf die G20-Agenda 2021 zu setzen, eine Social-Media-Kampagne, die sich an das Management der Weltbank richtet, die Vereinten Nationen (UN) in die Debatte einzubeziehen, oder keine von ihnen? Mehr als ein Drittel sagte, dass wir die UNO einbeziehen müssen, und fast ein Drittel sagte, dass es eine Kampagne geben muss, um die Frage auf die G20-Agenda 2021, wenn Italien den Vorsitz hat, zu setzen [siehe Umfrage 2].

Wir haben viel Arbeit vor uns, und wir haben keine Zeit zu verlieren.

Für einen tieferen Einblick sehen Sie sich auch die Videoaufzeichnung unserer Online-Diskussion auf Youtube an:

->Quelle: https://www.fes.de/themenportal-die-welt-gerecht-gestalten/artikel-in-die-welt-gerecht-gestalten/is-redistribution-necessary-to-reduce-inequality