Alle Beiträge von Gerhard Hofmann

Reiseführer durch die sozioökonomische Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Gastbeitrag von Franz Baumann

Karl Polanyis 1944 erschienener Klassiker Die große Transformation wird wiederentdeckt, weil sich herumspricht, dass ein schwacher Staat und eine marktradikale, nur auf oberflächliche Effizienz setzende Wirtschaft keine krisenfeste Formel ist – sondern ein ideologisches Konstrukt, in welchem Wissenschaftsfeindlichkeit ein verlässlicher Gradmesser von Regierungsinkompetenz ist, wie unser Gastautor in New York aus nächster Nähe beobachten kann. Das eben erschienene Buch Zukunftsfähiges Wirtschaften von Andreas Novy, Richard Bärnthaler und Veronika Heimerl ist eine von Polanyi inspirierte Einführung in die zentralen Fragen der Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Ökonomie unter dem Aspekt der ökologischen Nachhaltigkeit. „Zukunftsfähiges Wirtschaften“ bettet heutige Herausforderungen in historische Zusammenhänge ein. weiterlesen

Welt ohne Bargeld

Anhörung im Bundestag

Bargeld – Foto © Gerhard Hofmann, EÖR

Um die Welt ohne Bargeld und die Veränderungen der klassischen Banken- und Bezahlsysteme ging es am Donnerstag, 18. Juni 2020, beim öffentlichen Fachgespräch, zu dem der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung unter Leitung von MdB Ernst Dieter Rossmann (SPD) und insbesondere das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) eingeladen hatte. Das Unternehmen VDI/VDE – Innovation+Technik (IT) arbeitet den Angaben zufolge als Konsortialpartner des TAB an einer Kurzstudie zu den aktuellen Trends und Entwicklungen im Ökosystem des Zahlungsverkehrs.

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“Eine Parallele” – die Sicht des Wissenschaftsforschers Peter L. W. Finke

Zusammenhang der Krisen: Klimawandel, Artenschwund und Covid-19

Peter L. W. Finke – Foto © privat

Es ist noch nicht lange her, dass mitten in China eine neue Krankheit ausbrach. Inzwischen ist daraus eine Pandemie geworden. Sie hat verschiedene Namen erhalten: Covid-19 ist einer; populär heißt sie auch „Coronakrise“. Es ist aber auch noch nicht lange her, dass immer mehr Menschen, vor allem junge, auf die Straßen gingen und die Politik und uns alle zum Umdenken aufforderten. Der Klimawandel, die Biodiversitätsverluste und die sich immer weiter öffnende Schere zwischen arm und reich trieben sie an. Die Pandemie stoppte diese Bewegung, vorerst. Kann es sein, dass beides zusammenhängt? fragt Peter Finke und entwirft ein neues Zeitalter: Das Gaiazän.

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Möglichst nachhaltiges Verwaltungshandeln

BMJV legt Ressortbericht in Sachen Nachhaltigkeit vor

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) hat am 08.06.2020 seinen ersten Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. Der Titel: „BMJV Ressortbericht Nachhaltigkeit – Bericht zum Stand der Integration der Rechts- und Verbraucherpolitik in die Agenda 2030“. Der 36seitige Bericht stellt – einer Medienmitteilung zufolge – „die bis Anfang 2020 im BMJV vorgenommenen Schritte zur Integration der Rechts- und Verbraucherpolitik in das Zielsystem der Agenda 2030 dar und gibt zugleich eine Zielrichtung für das noch weiter erforderliche Handeln in diesem Bereich. Der Bericht soll die Öffentlichkeit informieren und gleichzeitig den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des BMJV eine Orientierung für die Einordnung ihrer Aufgaben innerhalb der globalen Nachhaltigkeitsziele bieten.“ weiterlesen

„Willkommen im Anthropozän“

Das Zeitalter des Menschen – eine Einführung

„Wir befinden uns im Anthropozän!“, erzählt der Umweltwissenschaftler Erle C. Ellis, Autor des gleichnamigen Buches, habe Paul Crutzen, Meteorologe mit Forschungsschwerpunkt Atmosphärenchemie und und Nobelpreisträger, 2000 bei einer Konferenz ausgerufen. Er fragte sich nämlich, warum seine Kollegen unsere Zeit immer noch als Holozän bezeichneten? Habe die Menschheit seit dem Ende der letzten Eiszeit und dem Beginn des Holozäns die Erde doch so deutlich sichtbar umgestaltet! Von da an gewann der Vorschlag, die gegenwärtige geologische Zwischenzeit nach uns, dem Anthropos, umzubenennen – und die Kritik daran –, enorm an Schwung, sowohl innerhalb als auch außerhalb akademischer Kreisen.

So beginnt Ellis sein Buch über das „Anthropozän – das Zeitalter des Menschen – eine Einführung“. Und er fragt weiter. „Warum erfuhr ein solch esoterischer geologischer Begriff so rasch allgemeine Aufmerksamkeit, wurde zum Zankapfel wissenschaftlicher Debatten und zugleich weltweit so populär? Um dies zu verstehen, ist es hilfreich, den Blick jenseits der Wissenschaft auf die Ursprungsgeschichten zu richten, die von Beginn der Zeiten an in allen menschlichen Gesellschaften erzählt wurden. Von prähistorischer Zeit bis heute wurde die Rolle des Menschen in der Natur – als Erhalter, Partner, Verwalter, Gärtner oder Zerstörer – immer wieder durch Narrative definiert, die sein Auftauchen auf der Erde erklärten. In den abrahamitischen Religionen wiesen die Ursprungsgeschichten dem Menschen einen privilegierten Platz in der Mitte der göttlichen Schöpfung zu. Kopernikus und Darwin schufen neue Narrative auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse; bei ihnen wurde der Mensch zu einem Tier unter anderen auf einem Planeten unter anderen, der um einen gewöhnlichen Stern unter anderen kreiste. Das Anthropozän als neues Zeitalter verlangt eine noch umfassendere Veränderung unserer Perspektive. Da Geologen und andere über die verschiedenen Vorschläge streiten, das Anthropozän zu definieren, dürfte es nicht überraschen, dass sich auch uralte Auffassungen und zeitgenössische Debatten über die Rolle des Menschen in der Natur daruntermischen, ja sogar darüber, was es überhaupt bedeutet, Mensch zu sein.“

In der Diskussion um die globalen Krisen ist der Begriff „Anthropozän“ allgegenwärtig: ob Umweltverschmutzung, Klimakrise, Erderwärmung, Artensterben, radioaktiver Fallout, Mikroplastik, Meeresvermüllung und Bodenverluste – die Liste menschlicher Eingriffe in das System Erde ist so lang, dass der Vorschlag, ein ganzes Erdzeitalter nach uns zu benennen, immer mehr Zustimmung findet. Erle C. Ellis erläutert, was es mit dem Begriff auf sich hat, welche Umweltveränderungen maßgeblich sind und warum heftig darum gestritten wird – eine gleichermaßen kompakte wie umfassende Einführung.

In seinem Buch (Erscheinungstermin 05.05.2020) erläutert Ellis, warum der Begriff so problematisch ist – und wieso es dennoch folgerichtig sein könnte, die „Jetztzeit“ nach dem Menschen zu benennen. Sein Fragen:

  • Bedeutet das Zeitalter des Menschen das Ende der Natur?
  • Wer ist für das Anthropozän verantwortlich – der Homo sapiens, die ersten Bauern oder reiche Konsumenten des Industriezeitalters?
  • Und ist das Anthropozän notwendigerweise eine Katastrophe – eine Umweltkatastrophe, das Ende der Menschheit?
  • Oder könnte es auch ein „gutes“ Anthropozän geben, in dem Mensch und Natur gemeinsam in die Zukunft hineinwachsen?

Das Buch – so der Verlagstext – „führt gleichermaßen kompakt wie umfassend in die zahlreichen hitzigen Debatten rund um die neue Ära ein und macht deutlich, dass dabei weitaus mehr auf dem Spiel steht als nur die Einführung eines neuen geologischen Intervalls.“

Ein Thema: Die Kipppunkte im Erdsystem

Leider nicht im Buch: Die Kippschalter im Erdsystem zeigen starke Reaktionen bereits auf kleine Klimaveränderungen – Grafik © Schellnhuber (1996), Lenton et al. (2008), Edenhofer

Zu den von Hans-Joachim Schellnhuber und Ottmar Edenhofer (PIK-Potsdam) vertretenen „Kippschaltern“ schreibt Ellis: „Viele der Erdsystemstörungen in dem Konzept sind kumulativ und das Resultat lokaler und regionaler Veränderungen, die sich addieren, und nicht vergleichbar mit den systemischen Veränderungen der Erde, von denen man weiß, dass sie Kipppunkte erreichen können. Aus politischer Sicht ist es riskant, feste Werte für Erdsystemveränderungen zu setzen, vor allem wenn diese Werte nicht strikt wissenschaftlich nachgewiesen sind. Denn dies suggeriert, dass unterhalb dieser Schwelle nichts Besorgniserregendes geschehen wird, oberhalb hingegen der Schaden unabwendbar ist. Eine solche Sicht birgt die Gefahr, dass auf der einen Seite Bequemlichkeit die Oberhand gewinnt, auf der anderen hingegen Hoffnungslosigkeit. Beide sind fehl am Platze: Das Aussterben auch nur einer Spezies ist mehr, als wir leichthin akzeptieren sollten. Dasselbe gilt für lokale Habitate. Dennoch hat die Forderung, nicht so drastisch in das Erdsystem einzugreifen, dass Menschen wie auch die nicht menschliche Natur schweren Schaden nehmen, dazu beigetragen, dass die gravierenden wissenschaftlichen Bedenken inzwischen weltweite Beachtung finden. Doch es bleibt die Frage: Wenn menschliche Gesellschaften heute als globale Kraft wirken, die das Erdsystem zum Schaden der Menschheit und der nicht menschlichen Natur verändert, was sollen wir, wenn überhaupt, dagegen tun? Wer ist verantwortlich? Wer soll handeln?“

Erle Christopher Ellis (geb. am 11.03.1963 in Washington, DC) ist Umweltwissenschaftler und untersucht die Ursachen und Folgen langfristiger, vom Menschen verursachter ökologischer Veränderungen auf lokaler bis globaler Ebene, einschließlich derer im Zusammenhang mit dem Anthropozän. Seit 2016 ist er Professor für Geographie und Umweltsysteme an der University of Maryland, Baltimore County, wo er das Labor für anthropogene Landschaftsökologie leitet. Er will durch seine Forschung die nötoge Wende hin zu einem nachhaltigen Umgang mit der Erde im Anthropozän anstoßen.

Originalausgabe: „Anthropocene. A Very Short Introduction“ was originally published in English in 2018. This translationis published by arrangement with Oxford University Press. oekom verlag is solely responsible for this translation from the original work and Oxford University Press shall have no liability for any errors, omissions or inaccuracies or ambiguities in such translation or for any losses caused by reliance thereon. Copyright der Originalausgabe: © Erle C. Ellis, 2018
Erle C. Ellis „Anthropozän – das Zeitalter des Menschen – eine Einführung“, Softcover, 256 Seiten, übersetzt von Gabriele Gockel – © 2020 oekom verlag München, ISBN 978-3-96238-177-6, E-ISBN 978-3-96238-661-0

->Quelle: oekom.de/buch/anthropozaen-9783962381776

Corona, Nachhaltigkeit und Klimawandel

Thomas Weber und Nana Karlstetter – Politisches Thesenpapier zur CO2-Budgetierung

Die Reaktion auf die Corona-Pandemie und die Agenda 2030 Nachhaltigkeit bieten die einzige politische Perspektive und Orientierung der Weltgemeinschaft für die Zukunft

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Mit der Corona-Pandemie ist eine der „weltweiten Gesundheitsgefahren“, die in der UN-Agenda 2030 unter den großen globalen Gefahren für die nachhaltige Entwicklung und für das Überleben und den Fortbestand der Gesellschaften genannt werden, eingetreten. weiterlesen

Zwei Jahre 560 Euro bar auf die Kralle

Experiment mit Grundeinkommen in Finnland

Finnland hat das bedingungslose  Grundeinkommen (BGE) getestet. Das Ergebnis, jedenfalls in der Sicht von FAZ-Autor Patrick Bernau, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, ganz unvoreingenommen: „die vielleicht größte Utopie dieser Zeit“ – sein Fazit am 06.05.2020 : „Wer Geld vom Staat bekommt, hat weniger Stress. Das allerdings war nicht die wichtigste Frage, die Neugierige an das Experiment hatten.“

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Von der Corona-Krise zur nachhaltigen Wirtschaft

Was zukunftsorientierte Politik jetzt leisten muss
Text: Reinhard Loske | Gastbeitrag auf – agora42.de/corona-krise-und-nachhaltigkeit-reinhard-loske

Reinhard Loske – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft

Spricht man dieser Tage mit Menschen, denen Klimaschutz und umfassende Nachhaltigkeit als zentrale Herausforderungen besonders am Herzen liegen, begegnen einem nicht selten sorgenvolle Mienen und düstere Prognosen. Wenn die Corona-Pandemie erst unter Kontrolle sei, werde die Politik wieder alles daransetzen, das ressourcenverschlingende Wirtschaftswachstum auf jede nur erdenkliche Weise anzukurbeln. Dabei drohten ökologische Ziele einmal mehr unter die Räder zu kommen, so wie schon nach der Finanzkrise 2008.

Man kann diese Befürchtung hegen. Sie ist nicht aus der Luft gegriffen. Schon melden sich gegen alle Vernunft wieder Protagonisten, die eine klimapolitische Atempause, das Abschwächen von Regeln für Luftreinhaltung, Natur- und Wasserschutz oder die Aussetzung von Bürgerbeteiligungsrechten bei Umwelteingriffen vorschlagen, damit die Konjunktur nach der Krise schnell wieder „anspringen“ und dann „brummen“ kann. Ganz vorne dabei wie immer Lobbyisten und Populisten.

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Reise in den Untergrund

Ein Buch über eine unbekannte Gegend: Die Welt unter unseren Schuhen – eine Bodenkunde

Peter Laufmann nimmt die Leser mit in die Tiefe: Wenige Zentimeter von unserer Schuhsohle entfernt beginnt ein Kosmos, der fremdartig ist „wie eine verschlossene Kapsel, mit einzigartigem Klima und geheimnisvollen Bewohnern“. Es sei mehr Leben unter einem Fuß, der auf einer Wiese steht, als es Menschen auf unserem Planeten gebe. Und Laufmann belegt seine Behauptung. „Der Boden – das Universum unter unseren Füßen“ ist ein im klassischen Sinn „spannendes“, gelegentlich humorvolles Buch – das zum Beispiel enthüllt, dass es am Feldberg im Schwarzwald einen Regenwurm gibt, der so lang wie ein Unterarm wird, und der für seine Nachkommenschaft sorgt.

Vorstufe des Waldbodens: Bimasse Holz – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft

Doch zurück zur Aufzählung des Lebens: „Steckt man eine Fläche von einem Quadratmeter ab, gräbt 30 Zentimeter rief und zählt geduldig, wer in diesem winzigen Haufen Dreck lebt, braucht man keine weiteren Hobbys.“ Die Regenwürmer seien schnell durchgezählt. Etwa 80 dürften es sein, Schnecken etwa 50, ebenso viele Asseln und Spinnen. Doch Laufmann ist noch lange nicht fertig: „100 Käfer, 300 Hundert- und Tausendfüßer, 100 Zweiflüglerlarven, 10.000 Borstenwürmer. Das war einfach. Jetzt muss man schon genauer hingucken. In unserem Boden treibt sich nämlich noch viel mehr herum: 25.000 Rädertiere, 50.000 Springschwänze, 100.000 Milben und 1.000.000 Fadenwürmer. Nach einer kurzen Pause sollte man sich eine Lupe holen, denn die nächste Kategorie Bodenlebewesen ist noch kleiner; Geißeltierchen zum Beispiel werden nur gut 0,3 Millimeter groß. Das ist gerade noch mit bloßem Auge zu erkennen. Aber das Erfassen der 500.000.000.000 Exemplare ermüdet dann doch auf Dauer. Wer dann noch Kraft und Zeit hat, zählt geschwind die 1.000.000.000.000 Bakterien, 10.000.000.000 Strahlenpilze, 1.000.000.000 Pilze und 1.000.000 Algen. Die Zahlen variieren natürlich…“ räumt der studierte Forstwissenschaftler ein. weiterlesen

Buchhinweis: „Willkommen im Anthropozän!“

Das Zeitalter des Menschen – eine Einführung

Paul Crutzen (2015) – Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft

„Wir befinden uns im Anthropozän!“, erzählt der Umweltwissenschaftler Erle C. Ellis, Autor des gleichnamigen Buches, habe Paul Crutzen, Meteorologe mit Forschungsschwerpunkt Atmosphärenchemie und und Nobelpreisträger, 2000 bei einer Konferenz ausgerufen. Er fragte sich nämlich, warum seine Kollegen unsere Zeit immer noch als Holozän bezeichneten? Habe die Menschheit seit dem Ende der letzten Eiszeit und dem Beginn des Holozäns die Erde doch so deutlich sichtbar umgestaltet! Von da an gewann der Vorschlag, die gegenwärtige geologische Zwischenzeit nach uns, dem Anthropos, umzubenennen – und die Kritik daran –, enorm an Schwung, sowohl innerhalb als auch außerhalb akademischer Kreisen.

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