Beiträge der Kategorie: Wirtschaftsethik

Basel III erfreut Banken

DGB-Klartext zur Finanzmarktregulierung

Nach sieben Jahren haben sich Europas höchste Bankenregulierer endlich auf eine neue Haltelinie für das Schönrechnen von Bankenrisiken geeinigt. Das Ergebnis wurde jedoch von der Bankenlobby weichgespült. Damit ist wieder wertvolle Zeit für die Umsetzung von dringend notwendigen Finanzmarktregeln verstrichen, schreibt der DGB-klartext.

Frankfurter Bankenviertel über Hauptbahnhof - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft 20150809_150645Es ist geschafft! Nach mehr als 7 Jahren mühseligem Hin und Her konnten sich die höchsten Bankenregulierer jüngst auf den Abschluss der sogenannten Basel III-Regeln verständigen. Besonders Deutschland hat die Verhandlungen des Basler Ausschusses über neue Regeln auf dem Bankenmarkt behindert. Wertvolle Zeit für die dringend notwendige Umsetzung neuer Finanzmarktregeln ist dadurch verloren gegangen. Zwar gibt es nun neue Kapitalregeln für Banken und eine Haltelinie für das Schönrechnen der Bankenrisiken, aber das Ergebnis konnte durch Lobbyarbeit aus Sicht der Bankenbranche erfolgreich weichgespült werden.

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Wie kann es sein, dass acht Menschen so viel besitzen wie 3,6 Milliarden andere?

Ein Blick auf die sogenannten “Ultra-high-net-worth individuals” und die Rolle der Vermögensberater

Die Farbe des Geldes - Triodos BankWarum Vermögen in unserer Welt so extrem ungleich verteilt ist und was Wealth Manager damit zu haben. Der Kopenhagener Professorin Brooke Harrington ist es durch einen Trick gelungen, in die Welt der Superreichen zu blicken. Anfang 2017 sorgte eine Studie der Entwicklungshilfeorganisation Oxfam für viel Furore. Demnach besaßen zu diesem Zeitpunkt die reichsten acht Menschen der Welt zusammen mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Einer Untersuchung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC und der Schweizer Großbank UBS zufolge hat sich die Zahl der Milliardäre 2017 um zehn Prozent auf 1542 weltweit erhöht – eine Medienmitteilung der Triodos-Bank.

Acht Menschen besitzen so viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, sprich wie 3,6 Milliarden Menschen. Wie konnte es so weit kommen? Wie kann es sein, dass Vermögen dermaßen ungleich verteilt ist? Um zu verstehen, wie diese extreme Ungleichheit zustande kommen konnte, muss man auf den exklusiven und kleinen Club der Superreichen blicken. Es ist eine Gruppe von Menschen, die Wealth Manager oder Privatbanker als „Ultra-high-net-worth individuals“ bezeichnen. Einen Blick die Welt der Superreichen zu erhaschen, ist extrem schwierig. Denn kaum ein anderer gesellschaftlicher Bereich schottet sich in dem Maße ab, wie es ultravermögende Menschen tun. Exklusivität und Diskretion ist in diesen Kreisen oberste Pflicht.

Brooke Harrington bringt Licht ins Dunkel

Brooke Harrington, einer in Harvard ausgebildeten Soziologin, die inzwischen an der Copenhagen Business School lehrt, ist es gelungen, Licht in das Dunkel dieser Welt zu werfen und eine Erklärung für die extreme Verteilung des Reichtums zu finden.

Mit den Superreichen kam sie selbst nicht ins Gespräch, dafür aber mit deren Vermögensverwaltern. Harrington ließ sich selbst mehrere Jahre zur Wealth Managerin ausbilden und kam auf exklusiven Seminaren mit Menschen zusammen, die in Schlüsselpositionen für die vermögendsten Menschen der Welt arbeiten. Über 60 Vermögensverwalter aus unterschiedlichen Ländern wie der Schweiz, Liechtenstein oder Singapur traf Harrington in rund zehn Jahren Ausbildung und konnte sie zu Gesprächen bewegen. Herausgekommen ist das Buch „ Capital without Borders: Wealth Managers and the one percent“, das bislang nur auf Englisch erschienen ist. Ende September stellte Harrington es bei einem Vortrag in Frankfurt vor.

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COP23 wirkt indirekt

Emissionsarmes Investment auf dem Vormarsch

“Großanleger sind klimastrategisch meist schwach aufgestellt. Der Bonner Gipfel ignorierte das. Aber Initiativen rufen dazu auf, mehr in emissionsarme Branchen und Geschäftsfelder zu investieren”, schreibt Susanne Bergius in Handelsblatt Nachhaltige Investments. Die Klimaschutzanstrengungen müssten verstärkt werden. So hätten institutionelle Investoren die 23. Runde der UN-Klimaschutzverhandlungen (COP 23) in der zweiten Novemberhälfte in Bonn kommentiert.

Manche Vermögensverwalter hätten die Gelegenheit genutzt, um konkrete Forderungen zu stellen und ihre Expertise in Sachen klimaverträglicher Investments zu positionieren. Andere hätten Klimainvestments an oder Tests neuer Umweltkennziffern gekündigt oder luden Abendessen mit Gleichgesinnten eingeladen. Mindestens zwei zu diesem Anlass veröffentlichte Studien hätten ergeben, dass Investoren mehr in den Klimaschutz investieren wollen. Das sei auch dringend nötig so Susanne Bergius, – “um eines der zentralen Ziele aus dem Pariser Klimaabkommen zu realisieren: die Kapitalflüsse so auszurichten, dass sie eine zumindest „2-Grad-kompatible“, besser noch eine 1,5-Grad-kompatible Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen. Will heißen: Finanzakteure nehmen eine Schlüsselrolle ein, um die Erderwärmung auf möglichst unter 2 Grad Celsius zu begrenzen.” – Weiter auf: handelsblatt.com/hb-business-briefing-investments – Inhalt:

  • Die Weltklimakonferenz wirkt indirekt
  • Vermögensverwalter positionieren sich
  • Gütesiegel – nicht nur für Investmentfonds
  • Interview Fiona Reynolds: „Es muss Einiges passieren“

->Quelle: handelsblatt.com/hb-business-briefing-investment

Wem gehört der Himmel

Atmosphäre zu gemeinsamem Eigentumssystem werden

Die Erklärung der Menschenrechte ist zu wenig: George Adamson formulierte einst: „Darüber, wer die Welt erschaffen hat, lässt sich streiten. Sicher ist nur, wer sie vernichten wird.“ Übersetzt ins Heute heißt das: Um die Katastrophe noch abwenden zu können, ist ein radikales Umdenken erforderlich. Insbesondere gilt es, eine revolutionäre Erkenntnis zu erlangen: Die Nutzung aller begrenzten Ressourcen wie Atmosphäre, Meere oder Böden muss völkerrechtlich verbindlich geregelt werden. Denn noch heute kann sie jeder eigenmächtig als Deponieraum nutzen. Ein Kommentar von Matthias Hüttmann. weiterlesen

Stummer Frühling – stummer Sommer

Kommentar von Franz Alt

Am Hauptbahnhof in Osnabrück lese ich auf einem Plakat des Deutschen Bauernverbandes: „Ohne uns werden Sie nicht satt. Ein Landwirt ernährt 145 Menschen pro Jahr. Darauf sind wir stolz. Wir machen Landwirtschaft echt grün. Eure Landwirte – gestern. heute. morgen. Immer.“

Landwirtschaft echt grün, wirklich? Und was ist mit Glyphosat?

Singende Vögel – zirpende Grillen – farbenprächtige Schmetterlinge? Das war einmal. Ganz Deutschland leidet unter Artensterben. Die Natur braucht 30.000 Jahre um eine neue Spezies zu schaffen, aber wir rotten pro Tag global 150 Tier- und Pflanzenarten aus.

In Deutschland ist inzwischen jede dritte Tier-, Pflanzen-und Pilzart vom Aussterben bedroht. Dabei wissen wir: Ohne Tiere und ohne Pflanzen keine Menschen. Wir alle stehen auf den Schultern unserer älteren Geschwister im Tier- und Pflanzenreich. Mit dem dramatischen Artensterben sind wir die erste Generation, die Gott voll ins Handwerk pfuscht. weiterlesen

15.000 Wissenschaftler sprechen eindringliche “Warnung an die Menschheit” aus

Mit ihrer Hiobsbotschaft wollen Forscher aus der ganzen Welt die Menschheit wachrütteln – und bieten konkrete Lösungen an, um die katastrophalsten Folgen abzuwenden.

Mehr als 15.000 Wissenschaftler aus 184 Ländern sind sich einig: Wenn wir nichts gegen Klimawandel, Waldabholzung, mangelnde Frischwasserversorgung und das rasante Bevölkerungswachstum unternehmen, setzen wir die Zukunft der Menschheit aufs Spiel.Gemeinsam unterzeichneten die Forscher, zu denen renommierte Wissenschaftler wie Jane Goodall, E. O. Wilson und James Hansen gehören, einen Besorgnis erregenden Appell mit dem Titel “World Scientists’ Warning to Humanity: A Second Notice“, der am 13.11.2017 im Wissenschaftsjournal BioScience veröffentlicht wurde.

Mit insgesamt 15.373 Unterschriften von Forschern aus den unterschiedlichsten Disziplinen dürfte es sich um den Artikel mit dem größten wissenschaftlichen Rückhalt in der Geschichte handeln. Schon einmal hatten Wissenschaftler gemeinsam eine ähnliche Warnung verkündet: 1992 veröffentlichten 1.700 Wissenschaftler, darunter viele heutige Nobelpreisträger, den offenen Brief “World Scientists’ Warning to Humanity“.

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Weg „subversiver Integration“

Johannes Hoffmanns Einführung in die Jubiläumstagung der Forschungsgruppe Ethisch-Ökologisches Rating (FG EÖR) an der Goethe-Universität in Frankfurt am 3. und 4. November 2017 in Bad Boll

1. Dank an alle, welche die Erkenntnisse der FG EÖR über die Jahre erarbeitet haben

Johannes Hoffmann - Foto © privat, FGEÖRDie FG EÖR wird seit nunmehr 25 Jahren durch das gemeinsame Interesse an nachhaltiger Entwicklung im Rahmen der Marktwirtschaft motiviert. Unser Beitrag ist getragen von dem Bemühen, verborgene Sachverhalte offenzulegen, Ungesehenes sichtbar zu machen, aus überholten Traditionen herauszulocken, Mut für neue Wege zu machen, effektive Altruisten zu begleiten und zu fördern, einen Weg „subversiver Integration“¹ zu gehen, damit Menschwerdung in Gemeinschaft im Mit-Sein mit der Schöpfung gelingen kann.

Nach über 25 Jahren wissenschaftlicher Arbeit der FG EÖR zur Entwicklung von ökologischer, sozialer, ökonomischer und interkultureller Nachhaltigkeit in der Marktwirtschaft ist es durchaus sinnvoll, einmal an die Anfänge zu erinnern und einen Blick auf die gegenwärtig laufende Arbeit zu werfen, um daraus Überlegungen für die zukünftige Forschungs- und Bewusstseinsbildungsarbeit zu gewinnen. Das ist die Intention dieser Fachtagung.

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„Indien verzeichnet wirtschaftliches Wachstum, allerdings ohne Armutsminderung“

Der indische Befreiungstheologe Felix Wilfred im Interview mit Misereor

Misereor - LogoMit dem Welttag der Armen will Papst Franziskus „die Gläubigen anspornen, damit sie der Wegwerfkultur und der Kultur des Überflusses eine wahre Kultur der Begegnung entgegenstellen“. Die beiden Hilfswerke Adveniat und MISEREOR haben auf den verschiedenen Kontinenten Menschen interviewt, die sich mit ihrem Leben für die Armen einsetzen. Im folgenden Gespräch äußert sich der indische Befreiungstheologe Felix Wilfred zur Situation in Indien.

Verglichen mit anderen Nationen ist die Armutsquote in Indien besonders hoch. Warum führen die Bemühungen Indiens, diese Situation zu ändern, nicht zum Erfolg?

Felix Wilfred - Foto © Gerhard Hofmann, Agentur Zukunft für Solarify 20171103Felix Wilfred: Das liegt daran, dass Indien noch mehr als andere Nationen ein falsches Entwicklungsmodell verfolgt. Daher verzeichnet das Land zwar Wachstum (Indien ist heute, trotz gelegentlicher Rückschläge, die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft weltweit), jedoch ohne Armutsminderung. Das gegenwärtig weltweit vorherrschende Entwicklungsmodell führt zu falschen Prioritäten. Der Hochgeschwindigkeitszug „Bullet Train“ wird zur Priorität ernannt – ein Prestigeprojekt –, während 190 Millionen Menschen in Indien Tag für Tag hungern und 97 Millionen Kinder aufgrund von Mangelernährung untergewichtig sind. Ein zweiter Grund ist, dass dieses Entwicklungsmodell in einem Land umgesetzt wird, das nicht über die richtigen Voraussetzungen verfügt. Bevor China unter sozialistischem Regime den Weg zu einer liberalen Wirtschaft einschlug, nahm man eine Landverteilung vor, sorgte für ein einigermaßen funktionierendes öffentliches Gesundheitswesen usw. Indien sprang auf den Zug der Globalisierung und der freien Wirtschaft auf, ohne vorher diese Voraussetzungen zu schaffen. Daher bleiben beim vorherrschenden Entwicklungsmodell, dem Indien folgt, Millionen von Armen auf der Strecke, während man darüber nachdenkt, wie man das Bruttoinlandsprodukt steigern und mit anderen Nationen in der Entwicklung konkurrieren kann. Der Leitspruch des Wirtschaftsliberalismus, dem Indien folgt, lautet: Wer nicht konkurriert, stirbt. In Indien sterben aber Menschen, weil fehlgeleitete Politiker und Planer konkurrieren wollen; und in diesem Prozess werden in einem in der indischen Geschichte ungekannten Ausmaß die ohnehin Wohlhabenden immer noch reicher.

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1. Sustainable Finance Gipfel Deutschland

Nachhaltigkeitsaktivitäten im Finanzsektor

H4SF - logoDer Sustainable Finance Gipfel Deutschland unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums der Finanzen am 23.10.2017 im DVFA Center in Frankfurt am Main war die erste öffentliche Veranstaltung des gerade gegründeten “Hub for Sustainable Finance” (H4SF). Im H4SF koordinieren die Deutsche Börse und der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten im Finanzsektor unter Einbeziehung weiterer nationaler und internationaler Akteure und Inititativen und entwickeln sie für Deutschland weiter (siehe auch: blog.ethisch-oekologisches-rating.org/nachhaltige-finanzwirtschaft-in-deutschland-vorantreiben). Sustainable Finance will die Stabilität von Finanzmärkten sicherstellen, indem Anlage- und Kreditmanagement die Betrachtung langfristiger Risiken, und die Einbeziehung wertschöpfender, intangibler und ESG-Treiber zur Grundlage der Investitions- und Anlagepolitik macht.

Plenum des 1. Sustainable Finance Gipfel Deutschland - Foto © dvfa.jalbum.net

Der Sustainable Finance Gipfel Deutschland brachte relevante Stakeholdergruppen im deutschen Markt zusammen, deren Beteiligung für eine erfolgreiche Umsetzung der Ziele von Sustainable Finance im deutschen Markt unerlässlich ist. Hier wurden zentrale Thesen für eine Agenda nachhaltiger Finanzwirtschaft in Deutschland diskutiert, die sich aus dem Interimsbericht der High-Level Expert Group on Sustainable Finance der EU (HLEG), einem Diskussionspapier des RNE zur nachhaltigen Finanzwirtschaft, sowie der PRI Roadmap für Deutschland speisen. Diese Empfehlungen galt es nun in einem breiten Dialog, der alle wichtigen Stakeholdergruppen in Deutschland anspricht, zu diskutieren. Wir erörterten gemeinsam, welche Weichen in Deutschland im Finanzsystem sowie in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gestellt werden müssen, um den politisch von einem breiten Konsens getragenen Forderungen nach einem nachhaltigen Finanzsystem gerecht zu werden.

Weitere Themenblöcke und Fragestellungen des Gipfels:

  • Treuhänderische Verantwortung, Wissen und Bewusstsein – was fehlt?
  • Banken, Credit Rating Agencies und Investment Consultants – welche Rolle spielen sie für eine nachhaltige Finanzwirtschaft?
  • Transparenz, Reporting, Disclosure – mehr als nur Reporting Standards für Unternehmen?
  • Produkte, Standards, Methoden – wie kann Systematik helfen?
  • Infrastrukturprojekte und Klimaziele – wie lässt sich die Finanzierungslücke schließen?
  • Verstärkungseffekte staatlicher Aktivitäten in der Privatwirtschaft
  • Wie kann ein nachhaltiges Finanzsystem in Deutschland Realität werden?

Vom Gipfel: Neue Diskussionsbeiträge für eine nachhaltige Finanzwirtschaft

Medienmitteilung des Nachhaltigkeitsrats: Der Hub for Sustainable Finance hat seine erste öffentliche Tagung absolviert. Vertreterinnen und Vertreter der Finanzwirtschaft, von Aufsichtsbehörden und Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Politik haben darüber diskutiert, wie das Finanzsystem nachhaltiger werden kann. Im Vorfeld der Tagung haben die für den Hub for Sustainable Finance verantwortlichen Organisationen in zehn Thesen umrissen, worum es inhaltlich gehen soll. Das hat die Diskussion konzentriert. Die rund 200 Teilnehmenden haben in sechs Diskussionsrunden Ideen und Vorschläge erarbeitet, die Praxis und die Qualität der nachhaltigen Finanzindustrie voranbringen können. Über die Dringlichkeit des Themas waren sich alle einig.

„Sie, wie Sie hier sitzen, wissen, wo die Hindernisse für Sustainable Finance liegen, wo die Grenzen Ihrer Geschäftsmodelle sind und auch, was Sie daran hindert, Ihre Aktivitäten zu skalieren“, sagte Marlehn Thieme, Vorsitzende des RNE, zu Beginn des Gipfels. „Setzen Sie sich gemeinsam mit uns jetzt entschieden für einen Umbau der Finanzsysteme ein!“, appellierte Thieme. Nachfolgend eine Auswahl der zentralen Diskussionsbeiträge – und wie es weiter geht mit dem Hub.

Idee 1: Einen Green Supporting Factor in der Finanzmarktaufsicht einführen

Die Idee hat im Jahr 2016 der französische Bankenverband formuliert, um leichter Kapital für die weltweite Energiewende zu mobilisieren. Der Green Supporting Factor ließe sich aber auch auf beliebige andere nachhaltige Projekte ausweiten. Um Faktoren für Risiken und Chancen griffig zu beurteilen, plädierte Klaus Tiedeken, Vorstandsmitglied der Kreissparkasse Köln, für die Anwendung des Deutschen Nachhaltigkeitskodex, die weit mehr als nur für die öffentliche Berichterstattung nützt.

Gerald Podobnik, Global Head of Capital Solutions der Deutschen Bank, machte die französische Idee konkret: Die Bankenregulierung schreibt vor, dass Banken für die Risiken verschiedener Geldanlagen sicheres Kapital vorhalten müssen, um einen Ausfall der Anlage abzusichern. Das gilt auch, wenn Banken beispielsweise in Solarparks oder Windräder investieren. Der Green Supporting Factor würde vorsehen, dass Banken für Investitionen in die Energiewende weniger Sicherheiten vorhalten müssen – weil sie einen Beitrag dazu leisten, die Risiken des Klimawandels zu minimieren und damit auch das Finanzsystem stabilisieren. Einführen müsste einen solchen Faktor die Finanzmarktaufsicht, die über die Kapitalanforderungen bei verschiedenen Investitionen entscheidet.

Idee 2: Bilanzierungsregeln ändern

Christian Thimann, Vorsitzender der High Level Expert Group on Sustainabel Finance der EU-Kommission und Vorstandmitglied beim Versicherungskonzern Axa, schlug vor, Bilanzierungsregeln zugunsten nachhaltiger Investments zu verändern. „Die Finanzregulierung der letzten Jahre war sehr auf kurzfristige Stabilisierung ausgelegt“, sagte Thimann. Dominant ist derzeit bei der Bilanzierung eines Unternehmens das Prinzip market to market. Das bedeutet, dass der Wert von Investitionen an einem bestimmten Stichtag ermittelt wird und so in die Bilanz kommt.

Das aber widerspricht oft der Idee, dass nachhaltige Investitionen lange Zeithorizonte haben, bis sie sich rechnen. Andere Bilanzierungsregeln könnten also diese langfristigen Potentiale nachhaltiger Geldanlagen höher gewichten, die so als positiver Faktor in die Bilanz einfließen. „Wie können wir es Akteuren gestatten, mehr langfristige Kredite zu vergeben? Wie können wir ihnen die Pflicht auferlegen, in einer vernünftigen Proportionalität langfristige Risiken zu kontrollieren?“, so fasste Thimann die Herausforderung zusammen.

Idee 3: Aufsichtsräte müssen für Nachhaltigkeit qualifiziert sein

Patricia Geibel-Conrad, Mitglied des Aufsichtsrats der Hochtief AG, forderte, bei der Qualifikation von Aufsichtsräten anzusetzen. Diese müssten sensibel etwa für das Thema Klimawandel sein und Grundkenntnisse zur nachhaltigen Entwicklung haben. Solche Mindestanforderung werden im anglo-amerikanischen Raum längst debattiert, ebenso bezüglich Diversity. Solche Anforderungsprofile für Aufsichtsräte und Vorstände würden unter anderem auf dem nächsten World Economic Forum im Januar 2018 in Davos besprochen, so Geibel-Conrad. In den USA läuft die Diskussion unter dem Stichwort proxy access. Durch die Regel haben auch kleinere Anteilseigner an Konzernen die Möglichkeit, Kandidaten für Vorstandsposten zu nominieren – und so etwa das Thema Klimawandel zu stärken.

Idee 4: Nachhaltigkeitsbericht und Konzernlagebericht integrieren

Das Thema Integrated Reporting, also integrierte Berichterstattung von Geschäftsbericht und Nachhaltigkeitsbericht eines Unternehmens, wurde immer wieder diskutiert. Heute werden beide Berichte oft getrennt veröffentlicht. Das bringt laut Dieter W. Horst, Experte für Sustainable Finance bei Pricewaterhouse Coopers, bei vielen Unternehmen oft mit sich, dass die wirklich wichtigen Systeme und Prozesse noch nicht auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind.

Bei 80 Prozent der Unternehmen arbeiteten im Finanz- und Rechnungswesen, wo die wichtigen Finanzkennziffern erstellt werden, ein paar dutzend oder gar hundert Personen. Die Nachhaltigkeitsabteilung bestünde dagegen manchmal aus nur einer oder wenigen Personen. Auch Kristina Jeromin, Head of Group Sustainability der Deutsche Börse AG, sieht die Fokussierung auf das Wesentliche und die integrierte Sichtweise in der Berichterstattung als eine Lösung dieses Problems.

Idee 5: EU-weite CSR-Berichtspflicht evaluieren

Welche Kennzahlen aus einem Nachhaltigkeitsbericht sind so wichtig, dass ein Aktionär sagen würde: Wir kaufen eine Aktie oder wir kaufen sie nicht? Diese Frage stellte Ralf Frank, Generalsekretär und Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management. Hintergrund ist, dass große Unternehmen in der EU seit dem Geschäftsjahr 2017 verpflichtet sind, Nachhaltigkeitsberichte, kurz CSR-Berichte, vorzulegen. „Die spannende Frage wird sein, welche Kennzahlen sind denn wirklich so wichtig, dass sie Gewicht für den Lagebericht haben, also wichtig sind für das Verständnis des Geschäftsverlaufs“, sagte Frank.

Dieter W. Horst, Pricewaterhouse Coopers, glaubt, die CSR-Berichtspflicht könnte unter Umständen auch zeigen, dass es keine Nachhaltigkeitskennzahlen gibt, die so wichtig sind, dass sie in den Lagebericht müssen – dann hätte die neue Berichtspflicht ihr Ziel komplett verfehlt. Mehrere Redner regten deshalb an, die CSR-Berichtspflicht im nächsten Jahr zu evaluieren. Sollten die ihr zur Folge ermittelten Kennzahlen für die Geschäfts- und Lageberichte der Unternehmen keine Relevanz haben, müsste die Richtlinie überarbeitet werden.

Idee 6: Klimarisiken könnten für die Bankenaufsicht relevant werden

Die Bundesbank denkt darüber nach, Klimarisiken für die Finanzwirtschaft in ihrer Bankaufsicht zu berücksichtigen. Das sagte Joachim Wuermeling, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank. Es gehe dabei um zwei Punkte: Erstens könnten Hurrikane und Stürme unmittelbar Einfluss auf die Finanzen von Banken und Versicherern haben. Würden Wetterextreme schlimmer, dann stiegen die Risiken, die nicht mehr versicherbar seien.

Hinzu kommen laut Wuermeling transitorische Risiken auf dem Weg zu einer emissionsarmen Wirtschaft: Viele fossile Rohstoffe, die heute als Werte in Unternehmensbilanzen stehen, dürfen wegen der Klimaziele nicht mehr verbraucht werden. „Eines ist klar, je früher wir aktiv werden, desto geringer der Handlungsdruck zu einem späteren Zeitpunkt“, sagte Wuermeling. Deshalb baue die Bundesbank ihre Analysemöglichkeiten aus, um Klimarisiken und deren Auswirkungen für die Finanzmarktinstitute besser verstehen zu können. Gegebenenfalls werde man Klimarisiken auch bei der Bankenaufsicht berücksichtigen.

Idee 7: Die Praktikerinnen und Praktiker müssen mitreden

Anja Mikus, CEO/CIO der Stiftung Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung forderte, diejenigen besser in die Diskussion um eine nachhaltige Finanzwirtschaft mit einzubeziehen, die täglich Investmententscheidungen treffen. Das Problem sei, dass nicht einheitlich definiert sei, was genau Nachhaltigkeit im Investmentprozess bedeute. „Wie geht ein Portfoliomanager damit um? Wie kommt Nachhaltigkeit in den Investmentprozess rein?“, fragte sie. Das ließe sich nur beantworten, wenn Portfoliomanager mit am Tisch säßen. So ließe sich auch die Skepsis bei vielen Managern abbauen, ob nachhaltige Kapitalanlagen eine ausgiebige Rendite brächten. Das zeigen zwar Studien, „doch Studien helfen nicht, weil die Praxis entscheidet“, sagte Mikus.

Idee 8: Big Data kann helfen, aber das „kann“ muss qualifiziert werden

Big Data, künstliche Intelligenz und lernende Maschinen werden die Finanzindustrie zum Guten verändern und auch beim Thema Nachhaltigkeit helfen. Die These vertritt Konrad Sippel, Head of Content Lab der Deutschen Börse. „Wenn es um Informationsverfügbarkeit geht und darum, diese quantitativ auszuwerten und zu erklären, warum Nachhaltigkeit Sinn macht, werden uns mehr Daten und bessere Analysen helfen“, sagte er. Diskutanten regten an, dass mehr Daten nicht unbedingt auch bessere Daten seien. Es käme immer auf den Zweck und die Qualität der Daten an.

Die Zukunft des Hub for Sustainable Finance

Die erste Zukunftsaufgabe des H4SF ist das Aufholen. Denn die Finanzwirtschaft und Investoren in Deutschland hinken im europäischen und wohl auch globalen Vergleich hinterher. Weil in Deutschland kein starker Staat einfach gesetzliche Pflichten oder Vorgaben erlässt, greifen die Initiatoren zur Selbsthilfe. Im H4SF wollen sie künftig dem Thema hierzulande eine stärkere Stimme geben. Der große Zuspruch zur Veranstaltung selbst und die hohe Diskussionsbereitschaft der Teilnehmenden wurde von den Initiatoren als Bestätigung gewertet, die Initiative für eine nachhaltigere Finanzwirtschaft weiter voranzutreiben.

Das Anliegen des H4SF soll baldmöglichst mit der Bundesregierung und dem Parlament erörtert werden. Wie Günther Bachmann, Generalsekretär des Nachhaltigkeitsrates, im Schlusspanel in diesem Zusammenhang deutlich machte, wird die Bedeutung des Ergebnisses der europäischen Diskussionen für Deutschland zu erörtern sein. Weitere fachliche Diskussionsveranstaltungen werden für 2018 geplant.

Indem die Pioniere des nachhaltigen Finanzwesens weiter ermuntert und gestärkt werden, soll nunmehr auch der Mainstream für das nachhaltige Finanzieren gewonnen werden. In Zukunft sollten die professionellen Investoren nicht nur auf der Basis von Finanzkennziffern entscheiden, sondern die Nachhaltigkeit zur Grundlage einer Risiko- und Chancenbewertung machen und in ihre Anlageentscheidung einbeziehen, so Günther Bachmann. Analoges sei dann auch im staatlichen Handeln zu berücksichtigen.

Der Steuerungskreis und der Rat für Nachhaltige Entwicklung haben in der Veranstaltung viele Denkanstöße bekommen, die in die Ausgestaltung des Hubs einfließen werden. Ein Mitschnitt des Gipfels, der alle Programmteile uneingeschränkt abdeckt, steht für sechs Monate auf www.h4sf.de zur Verfügung. Updates und konkrete nächste Schritte werden über die Projektwebseite und den Newsletter des Nachhaltigkeitsrates kommuniziert.

->Quellen:

Publikationen:

Organisatoren:

  • HLEG der Europäischen Kommission, vertreten durch Michael Schmidt, Deka Investment
  • Deutsche Börse AG
  • DVFA e.V. – Der Berufsverband der Investment Professionals (Organisationsleitung)
  • Forum Nachhaltige Geldanlagen e.V.
  • Principles for Responsible Investment (PRI), German section
  • Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE)

Partner:

  • BVI Bundesverband Investment und Asset Management e.V.
  • Deutscher Investor Relations Verband e.V. (DIRK)
  • Deutsches Aktieninstitut e.V.
  • KfW Bankengruppe
  • Verein für Umweltmanagement und Nachhaltigkeit in Finanzinstituten e.V. (VfU)

Sprecher

  • Tarek Al-Wazir, Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung
  • Dr. Ludger Schuknecht, Bundesministerium der Finanzen
  • Prof. Dr. Rolf Nonnenmacher, Vorsitzender der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex
  • Christian Thimann, AXA Group und Chair High-Level Expert Group on Sustainable Finance
  • Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung
  • Prof. Joachim Wuermeling, Deutsche Bundesbank
  • Anja Mikus, Stiftung “Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung”
  • Dr. Frank Czichowski, KfW Bankengruppe

Weitere Sprecher (Auszug):

  • Prof. Dr. Günther Bachmann, Rat für Nachhaltige Entwicklung
  • Dr. Julia Backmann, BVI
  • Dr. Ernst Thomas Emde, Freshfields Bruckhaus Deringer LLP
  • Christoph Flad, Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern
  • Ralf Frank, DVFA
  • Patricia Geibel-Conrad, AR, Hochtief
  • Dr. Wilfried Hauck, Statera Financial Management
  • Dr. Andreas Hoepner, University College Dublin
  • Dieter W. Horst, PricewaterhouseCoopers
  • Kristina Jeromin, Deutsche Börse
  • Holger Kerzel, MEAG
  • Roland Kölsch, FNG-Siegel
  • Matthias Kopp, WWF & 2° Investing Initiative
  • Thomas Kusterer, EnBW
  • Dr. Velibor Marjanovic, KfW Bankengruppe
  • Tobias Mock, S&P Global Ratings
  • Dustin Neuneyer, PRI
  • Dr. Annabel Oelmann, Verbraucherzentrale Bremen
  • Dieter Overath, Transfair
  • Nilgün Parker, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
  • Sabine Pex, oekom research AG, Vorstand FNG
  • Dr. Gerald Podobnik, Deutsche Bank
  • Dr. Henrik Pontzen, HSBC Trinkaus & Burkhardt, Vorstandsmitglied DVFA und Mitglied des Ethikpanels DVFA
  • Claudio Ramsperger, DZ BANK & Cassa Centrale Banca – Credito Cooperativo del Nord Est S.p.A.
  • Michael Schmidt, CFA, Deka Investment GmbH, Mitglied HLEG, Vorstandsmitglied DVFA
  • Roman Schmidt, Commerzbank
  • Konrad Sippel, Deutsche Börse
  • Matthias Stapelfeldt, Union Investment, Vorstand FNG
  • Dr. Markus Steilemann, Covestro
  • Dr. Klaus Tiedeken, Kreissparkasse Köln
  • Hubertus Väth, Frankfurt Main Finance e.V.
  • Dr. Ursula Weidenfeld, Freie Journalistin, Dr. Weidenfeld & Heckel
  • Stefan Winter, Verband der Auslandsbanken
  • Marc Wolbeck, Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin)
  • Natalia Wolfstetter, Director of Research, Morningstar

Nachhaltige Finanzwirtschaft in Deutschland vorantreiben

Zehn Thesen des H4SF

H4SF - logoDer Steuerungskreis des Hub for Sustainable Finance (H4SF) hat in Berlin zehn Thesen für eine nachhaltigere Finanzwirtschaft vorgestellt. Die Empfehlungen richten sich an die Finanzmarktakteure – und an die Politik.

Grundlage für das Papier sind der Interimsbericht der High Level Expert Group on Sustainable Finance der EU-Kommission , die PRI Roadmap für Deutschland , das living document Sustainable Finance des Rates für Nachhaltige Entwicklung , das der Rat seit März fortschreibt, die Zielsetzung der Accelerating Sustainable Finance Initiative der Deutschen Börse  und die Empfehlungen der Task Force on Climate-related Financial Disclosures des Finanzstabilitätsrates.

Als erste öffentliche Veranstaltung findet am 23. Oktober in Frankfurt ein „Sustainable Finance Gipfel Deutschland“ des Hub for Sustainable Finance im Hause der DVFA, Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management, statt (Tagesordnung). Hier werden die zentralen Thesen (hier auch auf Englisch) des Hub for Sustainable Finance für eine nachhaltige Finanzwirtschaft in Deutschland diskutiert.

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