Beiträge der Kategorie: Ökologie

Plötzlich Machtzentrum

Deutsche Börse übernimmt Mehrheit an ISS

„Die Deutsche Börse gilt als einer der langweiligsten Dax-Konzerne, jetzt übernimmt das Unternehmen passend zum Investorentag den wichtigen Anlageberater und Datenanbieter ISS – und steigt so zur globalen Macht auf“, stellt die Wirtschaftswoche am 18.11.2020 lakonisch-trocken fest. „Plötzlich Machtzentrum“ überschreibt Lukas Zdrzalek seinen Text. Mindestens ebenso lakonisch-trocken liest sich die Medienmitteilung der Frankfurter Deutsche Börse AG:

    • Die Deutsche Börse erwirbt in Partnerschaft mit dem aktuellen Management und Genstar Capital eine Mehrheitsbeteiligung an Institutional Shareholder Services (ISS), basierend auf einer Bewertung von 2.275 Millionen US-Dollar (1.925 Millionen Euro) für 100 % von ISS
    • Durch die Akquisition wird die Deutsche Börse zu einem der weltweit führenden Anbieter von ESG-Daten und Research
    • Das Daten- und Researchgeschäft von ISS ergänzt die Geschäftsaktivitäten der Deutschen Börse entlang der gesamten Wertschöpfungskette; die Übernahme eröffnet beiden Unternehmen zusätzliche Wachstumschancen
    • Um die Unabhängigkeit von Datengeschäft und Research sicherzustellen, bleibt ISS innerhalb der Deutschen Börse eigenständig
    • ISS-CEO Gary Retelny wird das Unternehmen weiterhin leiten

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„Der ‚wahre‘ Wert von grünem Wasserstoff“

Revolutionierung der Land- und Energiewirtschaft mit Regionalwert-Methode

Christian Hiß
Christian Hiß: „Bodenfruchtbarkeit ist Betriebsvermögen – und muss in die Bilanz.“

Wie bemisst man den Wert nachhaltiger Bewirtschaftungsverfahren? Wie wertvoll ist das Fachwissen von Land- und Energiewirten? Bislang finden nur finanziell quantifizierbare Werte den Weg in die Unternehmensbilanzen. Soziale oder ökologische Aspekte bleiben unberücksichtigt – sehr zum Nachteil von nachhaltig wirtschaftenden Firmen. Die Freiburger Regionalwert AG hat eine Methode entwickelt, die die Buchhaltung im Agrar- und auch im Energiesektor revolutionieren könnte. Jetzt steht ihr Gründer Christian Hiß mit seinem Konzept kurz vor dem Durchbruch und will aus dem bisherigen Nischendasein heraustreten. Gemeinsam mit dem Software-Giganten SAP möchte er auf die große Bühne. Dies könnte speziell für die Energiewirtschaft weitreichende Folgen haben, denn die Regionalwert-Nachhaltigkeitsanalyse könnte dabei helfen, den „wahren“ Wert von grünem Wasserstoff zu ermitteln.

Christian Hiß ging schon vor Jahren der Frage nach, wie sich der tatsächliche Wert landwirtschaftlicher Arbeit ermitteln lässt. Der Grundgedanke dahinter war damals wie heute, dass es insbesondere im Agrarsektor viele Leistungen und viel Wissen gibt, die sich nicht in der Bilanz abbilden lassen, obwohl für ihre Erbringung beziehungsweise ihr Erlangen ein teils erheblicher Aufwand betrieben wird, ohne dass dieser zu beziffern wäre.

Sozio-ökologische Bewertung

Dem gelernten Gärtner war vor mehr als fünfzehn Jahren bei der Erstellung seiner jährlichen Bilanz klar geworden, dass eine allein auf Euro-Beträge ausgerichtete Buchhaltung nicht alle Werte korrekt wiedergibt. Er machte sich daher daran, eine mehrstufige Methodik zu entwickeln, die auch andere Leistungsfaktoren, die für eine nachhaltige Bewirtschaftung von Bedeutung sind (Bodenfruchtbarkeit, Fachwissen, Mitarbeiterzufriedenheit usw.), berücksichtigt.

Gemäß dieser Methodik werden soziale, ökologische und personalwirtschaftliche Leistungen zunächst erfasst und dann angemessen bewertet. In der dritten Stufe werden die so gewonnenen Daten interpretiert und anschließend monetarisiert. Im fünften Schritt ergibt sich daraus ein Nachhaltigkeits-Index beziehungsweise eine auf nachhaltige Werte ausgerichtete Bilanz. Hiß selbst bezeichnete diesen Ansatz als „spektakulär“.

„Die gewöhnliche Buchhaltung und Bilanzierung setzt viele Vermögensarten wie Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität und Wissen einfach als gegeben voraus und bewertet sie in der Bilanz der Betriebe mit null. Die Verantwortlichen der Regionalwert AG halten dies für fatal und für eine Ursache für die vielfältigen ökologischen Schäden und Risiken sowie soziale Ungerechtigkeiten.“

Regionalwert Unternehmensprofil

Das Ziel des Vordenkers ist, dass in die Bilanz der Zukunft aufseiten der Aktiva im Anlagevermögen fortan auch die sozial-ökologischen Vermögen aufgenommen werden. Bei den Passiva müssten demnach dann auch beispielsweise die Rückstellungen für Nachhaltigkeit integriert werden. „Wenn man Hybridsorten verwendet, ist das ein betriebswirtschaftliches Risiko“, nennt Hiß als Beispiel.

Ihm geht es darum zu zeigen, dass Nachhaltigkeitsleistungen einen betrieblichen Mehraufwand erfordern, der bisher in der Buchhaltung nicht differenziert ablesbar ist und in der finanziellen Erfolgsrechnung nur kostenseitig erscheint, obwohl ein Mehrwert erbracht wird, der Umwelt und Gesellschaft sowie dem Aufbau eines resilienten regionalen Wertschöpfungsraums zugutekommt.

Neue Blickwinkel

Von Juni 2018 bis November 2019 erarbeiteten die Mitarbeiter und Forscher der Regionalwert AG Freiburg in Kooperation mit den Agronauten e. V. das Grundgerüst ihres Konzepts im Rahmen des Projekts „Richtig Rechnen in der Landwirtschaft“. Auf den daraus hervorgegangenen Ergebnissen basiert die Regionalwert-Nachhaltigkeitsanalyse. Hierbei handelt es sich nach Angaben der Entwickler um das „erste marktfähige Instrument zur Sichtbarmachung und Bewertung sozialer, ökologischer und regionalwirtschaftlicher Leistungen in landwirtschaftlichen Betrieben auf Grundlage von Buchhaltungsdaten“.

Die Regionalwert AG hat dafür ein zunächst kompliziert anmutendes Verfahren zur Bewertung bislang nicht quantifizierter Faktoren ausgearbeitet. Dabei werden über 170 sozio-ökologische und regionalwirtschaftliche Leistungskennzahlen analysiert (z. B. samenfestes Saatgut, Stickstoffsaldo, Blühflächen, CO2-Rückbindung, Azubiquote, Mitarbeiterfluktuation, faire Löhne, gesellschaftliches Engagement, regionale Wertschöpfung). Diese können dann anhand eines ausgefeilten Systems auf einer Internetplattform vergleichsweise übersichtlich dargestellt werden. Das Nachhaltigkeits-Level weist dann aus, auf welchem Niveau sich der entsprechende Betrieb gerade befindet.

QuartaVista ist allgemein anwendbar

Ergänzend dazu läuft aktuell das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Innovationsprojekt „QuartaVista – Navigationssystem für werteorientierte Unternehmen“. Von November 2018 bis Februar 2021 arbeiten inzwischen vier WissenschaftlerInnen sowie sechs MitarbeiterInnen der Regionalwert AG gemeinsam mit Partnerunternehmen an der Ausarbeitung dieses Bewertungssystems. Dr. Jenny Lay-Kumar, Leiterin der Regionalwert-Forschungsabteilung, sagte: „Wie wir derzeit im Innovationsprojekt QuartaVista erleben, sind unsere Methoden zur Erfolgsmessung von nachhaltigem Wirtschaften allgemein anwendbar und hochaktuell sowohl für Unternehmen als auch für politische Akteure.“

Projektmitarbeiterin Johanna Saxler erläuterte, QuartaVista stehe für die vier Blickwinkel, aus denen zukünftig Unternehmenserfolge angeschaut werden könnten: Ökologie, Wissen, Gesellschaft und Finanzen. Sie sagte: „Wir betrachten, welche Risiken entstehen durch nichtnachhaltiges Handeln.“ So würden neben objektiven Wertsetzungen wie den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen auch subjektive Wertsetzungen (z. B. Expertenwissen aus der Praxis, gesellschaftlicher Konsens) berücksichtigt.

Eines der Ziele ist, zunächst für die Partnerbetriebe der AG einen Fonds für den finanziellen Ausgleich ihrer sozial-ökologischen Leistungen aufzubauen. Perspektivisch könnte dieses Instrument dann später auch großskalig in anderen Anwendungsbereichen zum Einsatz kommen – beispielsweise bei der Energieversorgung.

Regionalwert AG Freiburg

Bürgerwindparks sind seit Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) hinlänglich bekannt. Sie haben gezeigt, dass mithilfe einer finanziellen Beteiligung von Privatpersonen große Energieprojekte gestemmt und deren Risiken auf mehrere Schultern verteilt werden können. Bürgeraktiengesellschaften verfolgen ein ganz ähnliches Prinzip und sind in verschiedenen Bereichen zu finden – beispielsweise im Agrar-, Brauerei- und Immobiliensektor.

Im Gegensatz zu Genossenschaften, die Geld zur Selbsthilfe ihrer Mitglieder suchen, sammeln Bürgeraktiengesellschaften finanzielle Mittel für sich beziehungsweise zur Realisierung eigener Projekte, die dann durchaus allen Mitgliedern zugutekommen können, ein. Und während bei Genossenschaften alle Mitglieder gleiches Stimmrecht haben, staffelt sich dieses bei den Aktiengesellschaften je nach Menge der Aktienanteile.

Regionalwert sieht es als zentralen Vorteil an, dass Aktien nicht kündbar sind. Bei einer Genossenschaft kann es im Extremfall dazu kommen, dass viele Genossen gleichzeitig aussteigen und die Genossenschaft deshalb Beteiligungen an Partnerbetrieben verkaufen muss. Das ist bei einer AG nicht möglich, so dass ein Wertschöpfungsverbund aufgebaut werden kann und die Partnerbetriebe sich auf langfristig angelegtes Eigenkapital verlassen können.

Die in Freiburg gegründete Regionalwert AG existiert seit 2006 und setzt sich für nachhaltiges und sinnvolles Wirtschaften in der Land- und Ernährungswirtschaft ein. Obwohl bei dieser Form der Finanzierung auch das Risiko des Totalverlusts der eigenen Einlagen besteht, fanden sich genügend Privataktionäre, die sich teils mit sechsstelligen Beträgen beteiligten.

Den Anfang machte Eichstetten am Kaiserstuhl im Regierungsbezirk Freiburg. Die dortigen Mitgliedsbetriebe sind äußerst engagiert, motiviert und einfallsreich, weil sie die Gewissheit haben, dass sie für eine gute Sache arbeiten. In den vergangenen Jahren zogen Initiativen in München, Hamburg, im Rheinland sowie in Berlin/Brandenburg und auch in Wien nach. Die dortigen Verbünde sind zwar eigenständig, erwarben aber Lizenzen für die Nutzung des Namens sowie des Konzepts. Fünf weitere Regionen sind aktuell in Gründung. Im Münsterland wird beispielsweise gerade daran gearbeitet, eine derartige Initiative mithilfe europäischer Fördermittel aufzuziehen. Weitere sollen folgen.

Den einzelnen AGs ist seit August 2020 die Regionalwert Impuls GmbH (ehemals Regionalwert Treuhand UG & Co. KG) übergeordnet. Diese verfügt über eine separate Geschäftsführung in Bonn, die die Zusammenarbeit der verschiedenen Regionalinitiativen koordiniert. Der Impuls-Beirat setzt sich aus den Aufsichtsräten der einzelnen AGs sowie Christian Hiß als deren Vorsitzendem zusammen. Geschäftsführer ist Stefan Gothe.

Software für Banken und Berater

Nach Jahren des Konzipierens und Rechnens hat die AG im Juli 2020 ein selbst entwickeltes Online-Tool herausgebracht, das seitdem bei der Regionalwert AG käuflich erworben werden kann (289 Euro). Nach eigener Angabe ist die Software „Regionalwert-Nachhaltigkeitsanalyse“ insbesondere für Geldhäuser sowie für landwirtschaftliche Berater interessant. Denn auch Banken müssen Risiken im Kreditgeschäft, die sich aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ergeben, prüfen und bewerten. Daher überraschte es Hiß nicht, dass sich inzwischen selbst die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) zunehmend in diese Richtung orientiert.

Der AG-Gründer aus Eichstetten erklärte: „Wir beobachten seit einigen Monaten einen Übergang von der reinen Nachhaltigkeitsberichterstattung zur Nachhaltigkeitsbilanzierung. Im Dezember 2019 hat die BaFin ein Merkblatt zur Behandlung von Nachhaltigkeitsrisiken für die Finanzbranche herausgebracht. Banken müssen demnach zukünftig derartige Risiken, die sich aus ihrem Geschäft ergeben, in ihrer Bilanz abbilden. Dazu braucht es Methoden und Instrumente, die es zu erarbeiten gilt. Mit unseren Projekten ‚Richtig Rechnen‘ und ‚QuartaVista‘ steuern wir unser Wissen zu dem Prozess bei.“

Hiß zeigte sich zuversichtlich, dass sein Berechnungsansatz über die Banken auch Einzug in die Wirtschaft halten wird. Im Oktober 2020 warf dazu passend die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) Christine Lagarde während einer Veranstaltung der Vereinten Nationen die Frage auf, ob die Notenbank möglicherweise „grüne“ Unternehmensanleihen bevorzugen sollte. Sie sprach von „Beispielen für Marktversagen“ und darüber, dass Finanzmärkte nicht immer in der Lage seien, allein die Risiken zu bemessen und einzupreisen. Es allein den Märkten zu überlassen, Umweltrisiken mit dem richtigen Preis zu versehen, hielt sie für fragwürdig.

Hiß wird dabei nicht müde zu betonen, dass der Ansatz von Regionalwert der erste war, der den Schritt zu einer sozio-ökologischen Bewertung machte. Er kündigte zudem an, dass ein weiterer Regionalwert-Leistungsrechner in Arbeit sei und ab November 2020 für 500 Euro erhältlich sein solle.

Kooperation mit SAP

Besonders stolz ist der Süddeutsche auf die Zusammenarbeit seiner kleinen regionalen Initiative mit dem großen Software-Konzern SAP. Das ebenfalls in Baden-Württemberg ansässige weltweit agierende Entwicklungshaus von Computerprogrammen für alle erdenklichen Geschäftsprozesse erwägt aktuell die Implementierung der Regionalwert-Methodik in die SAP-Buchhaltungssoftware. Ein entsprechender Werbefilm über Regionalwert wurde bereits gedreht. Anfang des Jahres 2020 präsentierte SAP QuartaVista zudem auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, was für einiges Aufsehen sorgte.

Hiß denkt aber noch weiter. So sollen im Rahmen des avisierten European Green Deal neue europäische Bilanzierungsregeln erarbeitet werden. Der Regionalwert-Vorsitzende hält es durchaus für denkbar, dass sein Ansatz über die Kooperation mit SAP in diesem Zuge mit zurate gezogen werden könnte. „Die Feststellung von Experten ist, dass wir am weitesten in diesem Bereich vorgearbeitet haben“, so Hiß.

SAP bekennt sich jedenfalls klar zu diesem nachhaltigen Ansatz. So erklärte Reiner Bildmayer, Leiter des Innovationsprojektes QuartaVista bei SAP, gegenüber der Zeitschrift Liberal: „Wir stützen uns da auf den Fundus von gut 500 Parametern, die unser Projektpartner entwickelt hat, die Regionalwert AG Freiburg. Dank deren Expertise haben wir Bewertungsempfehlungen für alles Mögliche, bis hin zur Erfassung des Tierwohls in Abhängigkeit von der Fläche, auf der sich ein Küken bewegen kann.“ Auf die Frage, ob sich diese Herangehensweise denn wirtschaftlich für Unternehmen rechne, antwortete er: „Natürlich, zumal sie mit einer QuartaVista-Buchführung sogar ihre Reputation verbessern können. Überprüfbar nachhaltig handelnde Unternehmen sind für Kunden attraktiver und können auch leichter an Finanzierungen kommen, denn den Banken wird das Thema zunehmend wichtig. Auch für die BaFin scheint das von Bedeutung zu sein.“

Regionalwert AG Berlin-Brandenburg

Regionalwert-Berlin-Brandenburg

Der Regionalwert-Ableger in Potsdam ging im Juni 2018 aus der Apfeltraum AG, die vor 15 Jahren zur Unterstützung des Hofs Apfeltraum in Müncheberg initiiert wurde, hervor. Mitgründer war Timo Kaphengst, der zusammen mit Jochen Fritz, Biobauer aus Werder an der Havel und ehemaliger Sprecher der Initiative „Wir haben es satt!“, hauptamtlich den Vorstand der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg führt. Ursprünglich ging es Kaphengst um die Sicherung des Zugangs zu den landwirtschaftlichen Flächen (kontra Landgrabbing). Heute steht für ihn die Sicherung des regionalen Wertschöpfungsraums und wirklich nachhaltiges Wirtschaften – sowohl in der Land- als auch in der Energiewirtschaft – im Fokus.

„Wir sehen die Rendite nicht als rein finanzielle Rendite. Die Ausschüttung von Geld steht bei uns nicht im Mittelpunt.“

Timo Kaphengst, Vorstand der Regionalwert AG Berlin-Brandenburg

Auszeichnung von der ZEIT

Wie zum Beleg ihrer guten Absichten erhielten Christian Hiß und die Regionalwert AG im September 2020 den ZEIT-Wissen-Preis „Mut zur Nachhaltigkeit“ 2020 aufgrund ihres besonderen Engagements sowie ihrer Vorbildfunktion für die Allgemeinheit. Der AG-Vorstand erklärte dazu: „Ich freue mich riesig über die Auszeichnung […]. Sie verschafft unserer Arbeit den Rückhalt, den es braucht, um das neue Verständnis von nachhaltigem und regionalem Wirtschaften in die Welt zu bringen.“

Dr. Jörgen Beckmann, Vorstand der Forschungsgesellschaft Die Agronauten e. V., ergänzte: „Wir brauchen dringend ein zukunftsfähiges ökonomisches Konzept, nicht nur für die Land- und Ernährungswirtschaft. Die Landwirtschaft als Urmodell des Wirtschaftens kann uns lehren, wie wir mit den natürlichen Ressourcen haushalten müssen, um unsere Existenz langfristig zu sichern. Christian Hiß hat dies früh erkannt und gehandelt.“

Übertragbar auf Effizienzberechnungen

Die gesamte Herangehensweise, die von der Regionalwert AG Freiburg zunächst insbesondere auf den Agrarsektor zugeschnitten wurde, ist indes nicht auf diesen Bereich eingeschränkt. Die neuartige Bewertungsweise zur Beurteilung des Grades an Nachhaltigkeit, in dem ein landwirtschaftlicher Betrieb agiert, ließe sich grundsätzlich auch übertragen auf andere Sektoren, beispielsweise auf die Effizienz von Energiesystemen oder die Art der Energieversorgung.

Bislang wird bei der Ermittlung des Wirkungsgrades lediglich die herauskommende Energiemenge durch die hineingehende Energiemenge dividiert. Hierbei geht es in der Regel allein um Energieinhalte, also um Kilowattstunden. Aber ähnlich wie bei der Aufstellung finanzieller Bilanzen, bei denen nicht alles in Euro bemessen werden kann, kann in der Physik beziehungsweise Thermodynamik nicht alles in Kilowattstunden bemessen werden.

Wendet man hier das „Bilanz-der-Zukunft“-Prinzip an, dann müssten auch für die Energieversorgung relevante Leistungskennzahlen herangezogen werden. Anstelle von Bodenfruchtbarkeit müssten also Werte wie Ressourcenschonung, Umweltbelastung und Endlagerungsaufwand angemessen eingepreist und berücksichtigt werden.

Die Regionalwert AG Freiburg ist nach eigenen Angaben an einem ganzheitlichen Ansatz interessiert, auch wenn sie bislang vorrangig den landwirtschaftlichen Sektor im Fokus hatte. Auf Nachfrage von HZwei, wie es denn bislang im Energiesektor aussehe, räumte Hiß unumwunden ein: „Da haben wir noch keinen Plan – hatten bisher keine Ressourcen dafür.“ Er ist aber bereits auf der Suche nach weiteren Partnern.

Landwirte als Energiewirte

Weitere Überlegungen gehen in die Richtung, dass bereits seit geraumer Zeit eine Entwicklung im Agrarbereich festzustellen ist, gemäß der Landwirte unweigerlich auch mehr und mehr zu Energiewirten werden (müssen). Die Schnittmenge zwischen nachhaltiger Landwirtschaft und nachhaltiger Energieversorgung wird immer größer, da sich zahlreiche bäuerliche Betriebe bereits selbst um ihre Energieversorgung kümmern. So sind weithin erkennbar schon auf einer Vielzahl von Scheunen Photovoltaikanlagen installiert, auch wenn im Wärme- und Mobilitätssektor noch Handlungsbedarf besteht.

Die Notwendigkeit, die Landwirtschaft in Sachen Energieversorgung nachhaltiger zu gestalten, ist evident, wenn auch konkrete Projekte in diesem Bereich noch Mangelware sind. Um aber die Pariser Klimaziele erreichen zu können, bedarf es einer zügigen Umstrukturierung bei der Energieversorgung von Bauernhöfen. Dafür sind allerdings Kooperationen erforderlich, da die Landwirte zur Bewerkstelligung solch eines nachhaltig-energetischen Umbaus bei laufendem Betrieb auf Unterstützung angewiesen sind.

So ist eine umfangreiche Hilfe vonseiten des Staats, aber auch von Wissenschaft und Wirtschaft erforderlich, um die hier schlummernden Potentiale zügig heben zu können.

„In der konsequenten Verknüpfung von betrieblicher Erfolgsrechnung und den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen liegt ein Schlüssel für das Wirtschaften im 21. Jahrhundert. Christian Hiß und die Regionalwert AG Freiburg haben mit ihrem Projekt „Richtig Rechnen in der Landwirtschaft“ dazu den Grundstein gelegt. Was für die Landwirtschaft gelingt, sollte auch in anderen Wirtschaftsbranchen möglich sein.“  Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker

->Quelle: hzwei.info/revolutionierung-der-land-und-energiewirtschaft-mit-regionalwert-methode

Erdüberlastungstag 2020 mehr als drei Wochen später

Aber kein Trost

Vom 1. Januar bis zum 22. August 2020 hat die Menschheit der Natur so viel abverlangt, wie die Erde im ganzen Jahr erneuern kann. Das zeigen Berechnungen des Global Footprint Networks und der York University. Die Corona-Lockdowns haben den ökologischen Fußabdruck der Menschheit um fast 10 Prozent schrumpfen lassen. Aber wir verbrauchen immer noch zu viele ökologische Ressourcen: wir leben so, als wäre unsere Erde 60 Prozent größer oder als ob wir 1,6 Erden zur Verfügung hätten.

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Möglichst nachhaltiges Verwaltungshandeln

BMJV legt Ressortbericht in Sachen Nachhaltigkeit vor

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) hat am 08.06.2020 seinen ersten Nachhaltigkeitsbericht vorgelegt. Der Titel: „BMJV Ressortbericht Nachhaltigkeit – Bericht zum Stand der Integration der Rechts- und Verbraucherpolitik in die Agenda 2030“. Der 36seitige Bericht stellt – einer Medienmitteilung zufolge – „die bis Anfang 2020 im BMJV vorgenommenen Schritte zur Integration der Rechts- und Verbraucherpolitik in das Zielsystem der Agenda 2030 dar und gibt zugleich eine Zielrichtung für das noch weiter erforderliche Handeln in diesem Bereich. Der Bericht soll die Öffentlichkeit informieren und gleichzeitig den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des BMJV eine Orientierung für die Einordnung ihrer Aufgaben innerhalb der globalen Nachhaltigkeitsziele bieten.“ weiterlesen

Buchhinweis: „Willkommen im Anthropozän!“

Das Zeitalter des Menschen – eine Einführung

„Wir befinden uns im Anthropozän!“, erzählt der Umweltwissenschaftler Erle C. Ellis, Autor des gleichnamigen Buches, habe Paul Crutzen, Meteorologe mit Forschungsschwerpunkt Atmosphärenchemie und und Nobelpreisträger, 2000 bei einer Konferenz ausgerufen. Er fragte sich nämlich, warum seine Kollegen unsere Zeit immer noch als Holozän bezeichneten? Habe die Menschheit seit dem Ende der letzten Eiszeit und dem Beginn des Holozäns die Erde doch so deutlich sichtbar umgestaltet! Von da an gewann der Vorschlag, die gegenwärtige geologische Zwischenzeit nach uns, dem Anthropos, umzubenennen – und die Kritik daran –, enorm an Schwung, sowohl innerhalb als auch außerhalb akademischer Kreisen.

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IMK sieht Verknüpfung des CO2-Preises mit Investitionen positiv

Wirtschaftspolitischer Jahresausblick: Einstieg in Klimapolitik neuer Qualität gelungen, Politik muss aber bei Investitionen nachlegen, nur 0,8 % BIP-Wachstum – EZB soll ökologische Kriterien anlegen

Die deutsche Wirtschaft durchläuft konjunkturell und strukturell eine schwierige Phase: Aufgrund eines schwachen Welthandels, anhaltender Handelskonflikte und Investitionszurückhaltung der Unternehmen prognostizierte das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung am 07.01.2020 in Berlin für 2020 eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um lediglich 0,8 Prozent. Soll gleichzeitig der CO2-Ausstoß wirksam begrenzt werden und der hohe Lebensstandard eines entwickelten Industrielandes erhalten bleiben, muss die Bundesrepublik große Anstrengungen unternehmen. Schlüsselindustrien stehen ebenso unter Transformationsdruck wie Konsumverhalten und die individuelle Mobilität vieler Menschen.

„In dieser Situation, in der Marktprozesse allein nicht für die notwendigen Veränderungen sorgen werden, ist eine engagierte Wirtschaftspolitik wichtiger denn je. Sie muss nicht nur die richtigen Weichen stellen, sondern Wandel auch über Investitionen in die technische und soziale Infrastruktur in Gang bringen“, sagt Prof. Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des IMK. In seinem neuen wirtschaftspolitischen Jahresausblick hat das Institut untersucht, ob die Politik in Deutschland und Europa diese Anforderung erfüllt*).

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Anhörung im Finanzausschuss: Sustainable Finance

Einerseits umstritten – andererseits „nicht aus den Augen zu verlieren“

Vertreter von Wirtschaft und Finanzindustrie haben an die Politik appelliert, auf dem Weg in eine von Nachhaltigkeitsgrundsätzen geprägte Finanzwirtschaft (Sustainable Finance) die Belange der Realwirtschaft nicht aus den Augen zu verlieren. In einer öffentlichen Anhörung des Finanzausschusses unter Leitung der Vorsitzenden Bettina Stark-Watzinger (FDP) verwies am Montag etwa Renate Waßmer von der Sparkasse Bad Tölz-Wolfratshausen auf den drohenden bürokratischen Mehraufwand für Nachhaltigkeits-Zertifizierungen hin, der nur noch von großen Unternehmen bewältigt werden könne. Sie sehe das „große Risiko, dass der Mittelstand unter die Räder kommt“. Außerdem drohten nicht zertifizierten Unternehmen höhere Zinsen und damit Wettbewerbsnachteile.

Grundlage der öffentlichen Anhörung waren drei Oppositionsanträge. So fordert die AfD-Fraktion (19/14684), dass die Bundesregierung im EU-Rat Vorschläge der EU-Kommission zur Förderung nachhaltiger Finanzen (Sustainable Finance-Initiative) ablehnen soll. Die AfD-Fraktion bezeichnet das Sustainable Finance-Konzept der EU als unsolide und inkohärent, es schwäche die Wirtschaft und sei rechtlich nicht vertretbar. Das ganze Vorhaben sei „ideologisch motiviert“.

Die FDP-Fraktion (19/14785) fordert die Bundesregierung ebenfalls auf, den EU-Aktionsplan in der derzeitigen Form abzulehnen und stattdessen Transparenz und Vielfalt zu schaffen. Das EU-Vorhaben sei aus ökonomischer Sicht unnötig oder kontraproduktiv. Mit der angestrebten verpflichtenden Taxonomie werde eine Bürokratie aufgebaut, deren Nutzen in keinem Verhältnis zum Aufwand und den Erfüllungskosten stehen würde. Es gebe auch keine konkrete allgemeingültige Definition von Nachhaltigkeit.

Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (19/14219) fordert, den Finanzmarkt strikt auf Prinzipien der Nachhaltigkeit auszurichten. Der Finanzplatz Europa müsse zum Leitmarkt für Nachhaltigkeit werden. Zu den Forderungen der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen gehört, dass alle mit der Klimakrise in Zusammenhang stehenden Risiken im Risikomanagement aller Finanzmarktakteure angemessen berücksichtigt werden.

Nachhaltige Kapitalanlagen liegen voll im Trend. So berichtete beispielsweise das Südwind-Institut für Ökonomie und Nachhaltigkeit in seiner Stellungnahme, dass inzwischen 4,5 Prozent oder 219 Milliarden Euro des in Deutschland angelegten Kapitals nachhaltig angelegt sei. Den „ganz starken Trend“ bestätigte die Deutsche Bundesbank. Grüne Anleihen sind demnach eine zunehmend genutzte Refinanzierungsquelle. Ihr Volumen sei seit 2015 von 16,3 auf inzwischen 198 Milliarden Euro gestiegen. Die KfW Bankengruppe berichtete in der Anhörung, dass sie keine Kohlekraftwerke mehr finanziere. Die KfW wolle sich zu einer nachhaltigen und transformativen Förderbank weiterentwickeln. Die Deutsche Börse AG sieht Chancen, dass Europa eine Vorreiterrolle bei der Sustainable Finance spielen könne. Es gehe um eine zukunftsfähige Industrieproduktion und nicht um grüne Nischen. Laut Professor Christian Klein (Universität Kassel) ist mehr Transparenz gut für den Kapitalmarkt und gut für die Verbraucher. Es sei gut, wenn wirtschaftliche Aktivitäten identifiziert werden könnten, die dazu beitragen könnten, den Temperaturanstieg aufzuhalten.

Starke Bewertungen für Unternehmen bei Umwelt-, Sozial- und Governance-Risiken deuten nach Darstellung des Unternehmens „S&P Global“ aber „nicht unbedingt auf eine starke Kreditwürdigkeit hin“. Und wie Bewertungskriterien aussehen könnten, ist nach Angaben des Centrums für europäische Politik (cep) noch völlig unklar. Die EU habe den Anspruch, das, was nachhaltig sei, zu monopolisieren. Dabei werde vergessen, dass es kein einheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit gebe. So werde Atomstrom in Frankreich als nachhaltig angesehen, in Deutschland aber nicht. Das sei ein Problem für eine europäische Regulierung.

Für den Deutschen Industrie- und Handelskammertrag (DIHK) ist die Regulierung ohnehin schon zu stark. Es sei niemanden damit geholfen, wenn die Produktion woanders stattfinde, erklärte die Organisation mit Blick auf wachsende Kurzarbeit und schlechte Auslastung in der Kraftfahrzeugbranche und dort besonders bei Zulieferbetrieben. Sustainable Finance könne in diesem Bereich zu Problemen führen, da das Finanzierungsvolumen verknappt werde. Sustainable Finance helfe nicht, sondern verschärfe die bestehenden Probleme. Für den Verband der Chemischen Industrie (VCI) ist es von „zentraler Bedeutung, dass die Definition nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten gleichrangig ökologische, soziale und auch ökonomische Aspekte berücksichtigt und die entsprechenden Wertschöpfungsketten einbezieht“. Der VCI warnte davor, ganze Branchen pauschal als ökologisch negativ zu klassifizieren, weil damit auch Vorprodukte für als „grün“ bezeichnete Produkte wie Solarpanels, Elektroautos oder Windkraftanlagen betroffen seien. Auch das Deutsche Aktieninstitut mahnte: „Nicht das Ausgrenzen, sondern das Einbinden der Realwirtschaft wird zum Erfolg führen.“ Durch die Brüsseler Taxonomie könnten ganze Industriezweige von der Finanzierung abgeschnitten werden. Auch der Investmentverband BVI sah eine „starke Tendenz zur Überregulierung“. Regulatorische Vorgaben dürften den Unternehmen, die sich umstellen wollten, nicht die notwendige Finanzierung entziehen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund forderte mit Blick auf die in der Kfz-Branche bestehenden Probleme, man müsse „mit klaren Visionen“ in die Debatte gehen und darlegen, wie die Transformation aussehen solle.

Für Markus Krall (Degussa) steht fest, dass die Politik glaubt, das Problem planwirtschaftlich lösen zu können. Doch es sei eine historische Tatsache, dass die Planwirtschaft der Marktwirtschaft nicht überlegen sei. Sustainable Finance sei eine „ökologische Wohlfühl-Illusion“ planwirtschaftlicher Steuerung und letztlich die Zündschnur, die zu einer neuen Finanzkrise führen werde. (hib/HLE)

->Quelle:  hib – heute im bundestag Nr. 1329 vom 25.11.2019

Erste Jahreskonferenz der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit – Einladung

Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung

An der Schwelle zum Jahr 2020 verbleibt noch ein Jahrzehnt, um die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung umzusetzen und ihre 17 Sustainable Development Goals (SDGs) zu erreichen. Doch dafür sind wir in vielen Gebieten global wie national derzeit noch weit von der Zielgeraden entfernt, wie nicht zuletzt die aktuellen Klima- und SDG-Gipfel der Vereinten Nationen in New York zeigen. Bis heute hat nachhaltige Entwicklung noch keinen prägenden Eingang in zentrale Politikfelder gefunden. Damit die politische Relevanz von Nachhaltigkeit gestärkt und der Gestaltungsprozess deutlich wirksamer wird, ist insbesondere auch die Wissenschaft als Impulsgeberin gefragt.

Für genau solche Impulse wurde die Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 (wpn2030) als eine zentrale Akteurin etabliert. Auf ihrer ersten Jahreskonferenz wird die wpn2030 unter anderem ihre aktuellen Arbeitsergebnisse präsentieren und mit Vertretern aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft diskutieren.

Daher lädt die Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030 zu ihrer ersten Jahreskonferenz ein:
„Nachhaltige Entwicklung: Eine Frage der Wissenschaft. Impulse und Innovationen für die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie“ am 5./6. Dezember 2019 im Umweltforum, Pufendorfstraße 11, 10249 Berlin

Im Fokus stehen unter anderem die Fragen:

  • Was empfiehlt wissenschaftliche Politikberatung, um Transformationsprozesse für nachhaltige Entwicklung zu beschleunigen?
  • Welche Wissenschaft braucht nachhaltige Entwicklung?
  • Zudem wird die wpn2030 wissenschaftsbasierte Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung übergeben. Die Empfehlungen zielen darauf ab, die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie in ihrer Umsetzung und Architektur zu stärken und weiterzuentwickeln – insbesondere hinsichtlich der anstehenden Weiterentwicklung der Strategie im kommenden Jahr.
  • Die Konferenz wird zudem nach vorne schauen und Forschende aus allen Fachrichtungen für die Mitwirkung an den kommenden Arbeitssträngen der Wissenschaftsplattform einladen

Aktualisiertes Programm: Es besteht jetzt die Möglichkeit, sich für die einzelnen Foren am Vormittag des 5. Dezembers zu registrieren. Darüber hinaus bietet die Konferenz interaktive Themeninseln am Abend des 5. Dezembers an. Zudem besteht die Möglichkeit, im Rahmen dieser Themeninseln selbst einen Impuls beizutragen (frauke.stuerenburg@iass-potsdam.de). Registrierung unter: events-iass-potsdam.de/event.php

->Quelle: wpn2030.de/jahreskonferenz2019

Wie nachhaltig agiert die EZB?

Am 29.10.2019 veranstaltete die Weltethos-Forschungsgruppe Wirtschaft und Finanzen (WEFG) an der Universität Tübingen in Kooperation mit der der Goethe-Universität Frankfurt und der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt eine Tagung unter dem Thema: „Nachhaltiges Europa: Die EZB als Kardinalfehler?“ In der Tagung beleuchteten Finanzmarktexperten erstmals eingehend die ethische Dimension der EZB als Organ der Europäischen Union. Was bisher nur Fachleuten bekannt war: Die EU-Kommission gestaltet die EZB in Form von Leitlinien ordnungspolitisch und ist dem Europäischen Parlament als Kontrollorgan rechenschaftspflichtig. Dadurch nimmt die die EZB eine international unvergleichbare Sonderrolle unter den Zentralbanken ein.
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Deutschland von Nachhaltigkeitszielen noch weit entfernt

Beratung zu UN-Nachhaltigkeitszielen im Parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung

Deutschland (und die anderen UN-Staaten) sind von den in der Agenda 2030 angestrebten Nachhaltigkeitszielen noch weit entfernt. Das wurde am Mittwoch im Rahmen eines öffentlichen Fachgesprächs des Parlamentarischen Beirats für nachhaltige Entwicklung deutlich zur Nachbereitung des „High-level Political Forums on Sustainable Development“ (Hochrangiges Politisches Forum zu nachhaltiger Entwicklung) im Juli 2019 sowie des Nachhaltigkeitsgipfels der Vereinten Nationen auf Ebene der Staats- und Regierungschefs im September 2019. An der Sitzung unter Vorsitz von Andreas Lenz (CSU) nahmen die Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD), die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Maria Flachsbarth (CDU), sowie die Jugenddelegierten für Nachhaltige Entwicklung, Rebecca Freitag und Felix Kaminski, teil.

Rita Schwarzelühr-Sutter sagte, in der deutschen Delegation seien sowohl Bundesregierung und Bundestag, als auch die kommunale Ebene und die Zivilgesellschaft vertreten gewesen. Bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele komme man „zu langsam“ zu voran, der Prozess sei „zu wenig transformativ“: Es liege „noch jede Menge Arbeit vor uns“. Im Vergleich zum Klimagipfel habe der Nachhaltigkeitsgipfel etwas „im Schatten“ gestanden.

Maria Flachsbarth verwies darauf, dass UN-Generalsekretär Antonio Guterres gesagt habe, dass eine Dekade des Handelns anbrechen müsse. Deutschland wolle bis 2050 klimaneutral sein und habe zwischen 2005 und 2018 seine Ausgaben zur Klimafinanzierung versiebenfacht. Man gebe 1,5 Milliarden Euro in den grünen Klimafonds, unterstütze die Initiative für eine Klimarisikenversicherung und investieren in grüne Technologien in den Städten. Auch bei den Themengebieten Wald und Gesundheit arbeite man daran, die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, eine Informationskampagne solle zudem ab November Menschen in zehn deutschen Städten für das Thema sensibilisieren. Das Hochrangige Politische Forums zu nachhaltiger Entwicklung komme derzeit aber seine „logistischen Grenzen“, hier müsse über ein neues Format mit höherer Wirksamkeit diskutiert werden.

Deutliche Kritik äußerten die beiden Jugenddelegierten, die Teil einer Delegation der Bundesregierung waren und junge Menschen aus Deutschland in der UN-Generalversammlung vertraten. So sagte Felix Kaminski, Nachhaltigkeit und Klimaschutz seien für die junge Generation aktuell besonders wichtige Themen. Man müsse aber bilanzieren, dass die Staaten in Sachen Nachhaltigkeit „gar nicht on track“ seien, es vielmehr „ziemlich düster“ aussehe, weil man beim Erreichen der ökologischen Ziele versage. Deutschland müsse hier eine Vorreiterrolle einnehmen. Rebecca Freitag appellierte an die Abgeordneten, die Nachhaltigkeitsziele seien die Verantwortung der Regierung und das Parlament müsse diese daran immer wieder erinnern. Es sei nicht akzeptabel, dass die deutsche Regierung verfrüht abgereist sei und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf ihre Rede verzichtet habe. Die Nachhaltigkeitsziele seien 2015 von den 193 UN-Mitgliedstaaten unterzeichnet worden und damit verpflichtend. Es brauche „grundlegende und strukturelle Veränderungen“ etwa in den Bereichen Verkehr, Landwirtschaft, Energie und Wirtschaftssystem. Bei der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie reichten „Schönheitskorrekturen“ nicht aus. Die Abgeordneten des Bundestags forderte Freitag auf, die Nachhaltigkeitsziele „zur DNA der Regierung“ zu machen.

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hatte am 09.07.2013 das Format und die organisatorischen Aspekte des Hochrangigen Politischen Forums zu nachhaltiger Entwicklung festgelegt. Es übernimmt als intergouvernementales Gremium mit universeller Teilnahme aller UN-Mitgliedstaaten innerhalb der Vereinten Nationen die Führung in Fragen nachhaltiger Entwicklung.

Das Forum tagt alle vier Jahre für zwei Tage auf Ebene der Staats- und Regierungschefs im Rahmen der Eröffnung der Generalversammlung („SDG-Gipfel“, SDG steht für Sustainable Development Goals) sowie jährlich für acht Tage, darunter während drei Tagen auf Ministerebene, im Rahmen der Arbeitstagung des Wirtschafts- und Sozialrats der Vereinten Nationen (Ecosoc). (hib/SUK)

->Quelle:  bundestag.de/hib=mod454590