Ethisch-ökologische Investments auf dem Vormarsch

Institutionelle verpflichten sich dem Klimawandel

Evi Vogl, Deutschlandchefin von Europas größtem Asset Manager Amundi ( 45,8 Mrd. € verwaltetes Vermögen), bricht in einem Gastbeitrag für die Börsenzeitung eine Lanze für klimaschonende, nachhaltige Investitionen. Sie seien eine Aufgabe für Staaten, Unternehmen und Gesellschaft; dazu seien Veränderungen in den Risikomanagements notwendig.

Dreierlei Risiken zählt Vogl auf:

  1. Haftungsrisiken, direkte Opfer des Klimawandels könnten umweltverschmutzende Unternehmen verklagen. Dadurch seien Reputation und Finanzen gefährdet.
  2. Physische Risiken aus Schäden, die durch Fluten, Stürme und andere Umweltschäden entstünden.
  3. Übergangsrisiken, wenn heute noch als wertvoll geltende Rohstoffe wie etwa Öl durch technologische oder regulatorische Änderungen stark an Wert verlören.

Die Finanzexpertin nennt infolge dieser Lage “eine nachhaltige, globale Energiewende zwingend”. Dazu müssten alle gesellschaftlichen Akteure gemeinsam und entschlossen auftreten; “Investitionen in Billionenhöhe” seien erforderlich. Jeder weiß, dass die Zeit drängt, denn trotz des Pariser Klimagipfels COP21 2015 seien die CO2-Emissionen weltweit auf ein Rekordniveau gestiegen. Der jüngste IPCC-Bericht verweise nachdrücklich auf notwendige Veränderungen in allen Bereichen. Nach Schätzungen der weltweit hoch angesehenen New Climate Economy (Kommissionsmitglieder unter anderem Helen Clark, Caio Koch-Weser und Nicholas Stern) in ihrem Sustainable Infrastructure Imperative: Financing for better Growth and Development sind in den nächsten 15 Jahren global fast 80 Billionen Euro an Investitionen nötig, um die Folgen des Klimawandels zu begrenzen und die Energiewende zu finanzieren. Die aber versprechen mehr Gewinn als Business-as-Usual:

New Climate Economy in ihrem “2018 Report of the Global Commission on the Economy and Climate”: “Wir unterschätzen die Vorteile eines saubereren, klimaschonenden Wachstums beträchtlich. Mutige Klimaschutzmaßnahmen könnten bis 2030 mindestens 26 Billionen US-Dollar an wirtschaftlichen Vorteilen bringen, verglichen mit Business-as-usual. Es gibt echte Vorteile in Form von neuen Arbeitsplätzen, wirtschaftlichen Einsparungen, Wettbewerbsfähigkeit und Marktchancen sowie einem verbesserten Wohlbefinden der Menschen weltweit.”

Institutionelle Anleger denken um

Daher sei die Finanzbranche gefordert, ihren Beitrag zur Erfüllung zu leisten. Immer mehr institutionelle Anleger dächten daher bereits um “und sondieren, wie sie ihre Investments nach den Aspekten Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, kurz ESG (Environmental, Social, Governance) ausrichten können. Dabei werden sie von renommierten Vermögensverwaltern unterstützt, die unter anderem passende Ratings bereitstellen, neue, skalierbare Produkte entwickeln und bei der Entwicklung spezieller Leitlinien für verantwortungsvolles Investieren beraten.”

Die Energiewende lasse einen riesigen neuen Markt entstehen, vom Ausbau der Infrastruktur bis zur Entwicklung umweltschützender Techniken. Dafür müssten Politik, Wirtschaft und Finanzbranche aber entsprechende Rahmenbedingungen schaffen:

  • In Deutschland halte sich die Politik derzeit mit gesetzlichen Vorgaben für Investments in die Energiewende (noch) zurück.
  • “In Europa gilt Frankreich als Vorreiter. So verpflichtet die französische Regierung mit dem Artikel 173 des Energiewendegesetzes Investoren ab einer Bilanzsumme von 500 Millionnen Euro unter anderem dazu, Risiken aus CO2-Emissionen zu bewerten und darzulegen, wie sie mit ihren Investments zur Erreichung der Klimaziele beitragen”.
  • In Luxemburg sei mit der Green Exchange “vor zwei Jahren eine Plattform gegründet worden, die als erste ausschließlich mit grünen, nachhaltigen und sozialen Finanzinstrumenten handelt”.
  • Im Rahmen des EU-Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums seien eben vier Gesetzesvorlagen entwickelt worden, die “eine neue Benchmark für den Vergleich von CO2-Emissionen und die Entwicklung eines EU-Klassifizierungssystems für nachhaltige Aktivitäten vorsehen”.

Ein Investment nach ESG-Kriterien ist jedoch laut Vogl “viel mehr als die Beteiligung an einer Wachstumsstory. Immer stärker entscheiden die nichtfinanziellen Aspekte über die Entwicklung des Unternehmenswerts. Neben Bonitäts- und Finanzratings ist das Nachhaltigkeitsrating eines Emittenten zu einem wichtigen Element bei Anlageentscheidungen geworden”. So sei gesellschaftliches und soziales Engagement, kombiniert mit einem Best-in-Class-Ansatz, zu einem “hochwirksamen Katalysator für Veränderung und Fortschritt” geworden. Führende Vermögensverwalter hätten für die Analyse von Investments nach ESG-Kriterien bereits spezielle, von digitalen Technologien und Anbietern nichtfinanzieller Daten unterstützte Teams eingesetzt. Außerdem helfen sie Anlegern, Aktionären und anderen Bezugsgruppen dabei, Einfluss auf das verantwortungsbewusste Verhalten von Unternehmen auszuüben.

Am 30.06.2018 waren nach Informationen des Sustainable Business Institute (SBI), Herausgeber der Marktplattform nachhaltiges-investment.org, insgesamt 501 nachhaltige Publikumsfonds in Deutschland, Österreich und/oder der Schweiz zum Vertrieb zugelassen. Diese Fonds waren zum 30.06.2018 mit ca. 118 Mrd. Euro (Gesamtfondsvermögen) investiert. (Ende 2017 hatte das SBI 482 Fonds registriert, die mit insgesamt ca. 106 Mrd. Euro Gesamtfondsvermögen investiert waren).

Aus Kurzfristigkeit wird allmählich Langfristigkeit

Inzwischen sei der Klimawandel in den Fokus von Anlegern und Investoren gerückt. Die Einsicht, dass man zu den eher kurzsichtigen Parametern der Finanzmärkte auch langfristige Risiken berücksichtigen muss, setzt sich durch. Denn wenn ein Investment sicher sein solle, dürfe man nicht allein auf die Rendite schauen.

Kurzfristigkeit: Wenn es Spaß machen würde, sich mit dem Hammer auf den Daumen zu schlagen, der Schmerz aber erst zwei Jahre später einträte – wir täten’s unentwegt. (Nach Dieter E. Zimmer, Die Zeit)

Vogl formuliert sehr zurückhaltend: “Langfristig erfolgreich werden nur die Investoren sein können, die ihre Anlagestrategie von Klimarisiken minimieren. Die Beteiligung an Firmen mit hoher Treibhausgasemission zum Beispiel kann sich so auf lange Sicht gesehen nachteilig auswirken. Risikomanager müssen daher möglichst schnell und umfassend geschult werden, um die zurzeit oft noch vorhandenen Kenntnislücken zu füllen. Auch neue Standards im Reporting helfen, Risiken schneller zu erkennen und besser gegenzulenken. Aktuell entwickeln besonders französische Unternehmen ihre Rechenschaftsberichte mit Blick auf Umweltrisiken intensiv weiter.”

So konzentrieren sich mehr und mehr institutionelle Anleger auf CO2-arme oder -neutrale Aktienanlagen. Institutionelle Investoren wie Stiftungen und Kirchen berücksichtigen ESG-Kriterien traditionell schon lange. Nun entdeckten auch Unternehmen, Versicherungen und Versorger dieses wichtige Thema. In Deutschland ständen allerdings viele professionelle Anleger noch am Anfang. Dabei sei klar, dass nur durch konzertierte gemeinsame Anstrengungen aller Marktteilnehmer die negativen Auswirkungen des Klimawandels eingedämmt werden könnten.

Siehe auch: Forschungsgruppe Ethisch-Ökologisches Rating, bisher an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität (heute Weltethos-Forschungsgruppe Wirtschaft und Finanzen am Weltethos-Institut der Tübinger Universität)

->Quellen: